Freie Knechte – Von der Freiheit eines Christenmenschen, Martin Luther 1520

Freie Knechte – Von der Freiheit eines Christenmenschen, Martin Luther 1520

Zu den Hauptschriften von Dr. Martin Luther zählt „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ aus dem Jahr 1520. Darin beschreibt er den Christen als einen freien Knecht. Wenn man einmal die Bibel genau darauf hin liest, wie sie einen Christen beschreibt, dann ist es genau das, was auch Luther versucht hier zu beschreiben. Ein Christ ist sowohl frei, als auch gleichzeitig ein Knecht.

Jetzt mag an dieser Stelle sogleich der Einspruch kommen: Aber das ist doch ein Widerspruch!

Wenn jemand frei ist, dann ist er doch kein Knecht und wenn jemand ein Knecht ist, dann ist er doch nicht frei.

Antwort: Das ist jedoch nur ein scheinbarer Widerspruch. Geht man hier allein nach der Bibel, dann ist dies durchaus für den Verstand nachvollziehbar und kein wirklicher Widerspruch. Doch der Reihe nach. Hier erst einmal der Link zu der Originalschrift von Luther auf der Seite „Die Glaubensstimme“, falls man sie komplett nachlesen möchte:

http://www.glaubensstimme.de/doku.php?id=autoren:l:luther:v:von_der_freiheit_eines_christenmenschen

1. Zwei Thesen

Zunächst einmal ist Martin Luther nach intensivem Studium der Bibel zu der Feststellung gekommen, dass die Schrift tatsächlich von beiden Dingen spricht: einmal, dass der Mensch ein freier Herr ist und zum anderen, dass er ein Knecht ist. Und da die Bibel keine wirklichen Widersprüche enthält und in allen ihren Worten Wahrheit und Wort Gottes ist, hat Luther die Bibel an dieser Stelle nicht kritisiert, sondern erst einmal stehen lassen, was sie sagt. Deshalb hat er diese beiden Aussagen der Bibel in Form von Thesen formuliert und aufgeschrieben und versucht, diese dann an Hand der Bibel zu erklären und nachzuvollziehen. Was im Übrigen eine völlig biblische Vorgehensweise und der richtige Umgang mit der Schrift ist. Die beiden Thesen stehen gleich am Anfang der Schrift von Luther:

ERSTE THESE: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.

ZWEITE THESE: Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

Auch wenn diese Thesen auf den ersten Blick für den Verstand von manch einem widersprüchlich erscheinen, so ist es dennoch genau exakt das, was die Bibel sagt. Man könnte hier viele Bibelstellen dazu aufführen, doch stellvertretend für alle, will ich nur eine Textstelle wiedergeben:

„Denn obwohl ich frei bin von allen, habe ich mich doch allen zum Knecht gemacht (1.Korinther 9,19).

Wir sehen, Paulus sagt in der Bibel genau das fast wortwörtlich, was Luther als Thesen aufgestellt hat. Paulus sagt, dass er frei ist von allem, aber sich gleichzeitig allen zum Knecht gemacht hat. Er ist sozusagen ein freier Knecht.

2. Die Freiheit eines Christen

Ich denke, dass die meisten Christen mit dieser Aussage die geringsten Probleme habe. Ein Christ zeichnet sich dadurch aus, dass er durch Christus in die Freiheit geführt wurde. Jesus sagt in Johannes 8,36: „Wenn euch nun der Sohn frei machen wird, so seid ihr wirklich frei„. Ein Christ dient also Gott freiwillig ohne jeden Zwang und folgt Christus nach. Da er den Herrn liebt, weil Jesus für uns am Kreuz gestorben ist, folgt ein Christ ganz willig dem Herrn. Kurzum: Mit der Aussage, dass ein Christ ein freier Mensch ist, der bewusst, willentlich und freiwillig Christus nachfolgt, hat so gut wie niemand ein Problem.

Doch was ist nun mit der zweiten These, dass ein Christ aber dennoch gleichzeitig ein Knecht ist und damit eben gebunden ist. Da erheben sich doch unter Christen oft viele Einsprüche und Proteste.

3. Die Knechtschaft eines Christen

Also, wie kann es nun sein, dass ein freier Christ, der Christus freiwillig nachfolgt, gleichzeitig ein Knecht sein kann? Wir stellen zunächst auch wieder fest, dass dies eine klare und eindeutige Aussage der Bibel ist. Paulus beginnt so gut wie alle seine Briefe mit den Worten: „Paulus, Knecht Jesu Christi“ (Römer 1,1). Paulus sagt es immer wieder: Er ist als Christ ein Knecht.

4. Der scheinbare Widerspruch

Wenn man ganz ehrlich ist, dann sind Freiheit auf der einen Seite und Knechtschaft auf der anderen Seite Widersprüche, die sich scheinbar gegenseitig ausschließen. Denn rein nach menschlicher Logik kann ein freier Mensch nicht gleichzeitig ein Knecht sein und ein Knecht kann nicht frei sein. Doch wenn man hier die Bibel versucht nachzuvollziehen, dann schließen sich beide Dinge eben nicht gegenseitig aus. Es handelt sich hier um ein BIBLISCHES PARADOX.

Ein biblisches Paradox sind zwei Aussagen, die parallel nebeneinander stehen und gleichzeitig wahr sind.

Eines dieser biblischen Paradoxe wäre z.B. die Gottheit Jesu. Die Christen sagen in ihrem Glaubensbekenntnis, dass Jesus „wahrer Gott und wahrer Mensch ist“.

Zitat: Wir „lehren alle einmütig, dass derselbe sei vollkommen in der Gottheit und derselbe vollkommen in der Menschheit, derselbe als wahrhaftiger Gott und als wahrhaftiger Mensch, mit einer vernünftigen Seele und einem Leib, dem Vater wesensgleich nach der Gottheit und derselbe uns wesensgleich nach der Menschheit, in jeder Hinsicht uns ähnlich, ohne die Sünde“ (auf Seite 4, erster Absatz, im Bekenntnistext)

https://sbt.education/system/files/dateien/Altkirchliche%20Bekenntnisse.pdf

Das ist für manche Leute ein Widerspruch, denn Gott ist ewig und der Mensch ist vergänglich. Wie kann also nun etwas das vergänglich ist gleichzeitig ewig sein? Es handelt sich hier aber nicht um einen Widerspruch, sondern um ein biblisches Paradox, also um zwei Wahrheiten die parallel nebeneinander stehen und gleichzeitig wahr sind: Jesus ist gleichzeitig wahrer Gott und wahrer Mensch.

Wiedergeborene Christen haben mit dieser Aussage in der Regel keine wirklichen Probleme. Aufgrund ihrer Kenntnis entsprechender Bibeltexte können sie ohne Schwierigkeiten Jesus als Gott und als Mensch bekennen. Wenn die Bibel auf der einen Seite sagt, dass Jesus der „Sohn Gottes“ ist, dann glauben sie dies und wenn die Bibel auf der anderen Seite sagt, dass Jesus der „Menschensohn“ ist, dann glauben sie das auch.

Ich will das mit einem Beispiel vergleichen. Wenn jemand zu uns kommen und verlangen würde, dass wir eines unserer Augen hergeben sollten, da wir ja auch mit einem Auge sehen könnten und man würde uns sagen, entscheide dich für das rechte Auge oder das linke Auge, dann würde wir antworten: Ich gebe keines meiner beiden Augen her, ich brauche sie beide.

Und genauso antworten Christen, wenn jemand die Gottheit Jesu anzweifelt und ihnen sagen würde, gib entweder die Gottheit Jesu auf oder die Menschheit Jesu, dann antworten sie: Wir brauchen beides. Ich gebe weder die Gottheit Jesu auf noch seine Menschheit. Beides sind biblische Wahrheiten und ich lasse beide stehen und gebe weder das eine noch das andere auf.

So müssen wir auch mit der Freiheit und Knechtschaft des Menschen umgehen. Wir müssen beides parallel neben einander stehen lassen und müssen uns zu beidem bekennen.

5. Auflösung des biblischen Paradox

Wie lässt sich nun das biblische Paradox erklären, dass der Mensch sowohl frei ist als auch gleichzeitig ein Knecht ist.

Die Antwort lässt sich eigentlich recht simpel erklären. Das liegt daran, dass sich der Mensch nicht in einem leeren und neutralen Raum befindet, wie das der Humanismus irrtümlicher Weise mit seinen falschen Freiheitsgedanken verkündet.

Der Mensch ist immer an etwas rückgekoppelt.

a) Die Rückkoppelung an die Sünde

Die Sünde hat durch Adam und Eva Eingang in diese Welt gefunden. Und da jeder Mensch ein „Adamskind“ und „Evaskind“ ist, ist er an die Sünde rückgekoppelt und was das Geistliche anbetrifft nicht mehr frei, sondern an die Sünde gebunden und geknechtet. D.h., in dem Moment, wo ein Mensch auch nur eine einzige Sünde tut, hat er schon in Bezug auf Gott seine Freiheit verloren und ist ein Knecht der Sünde geworden. Dies sagt Jesus u.a. in Johannes 8,34: „Jeder, der die Sünde tut, ist ein Knecht der Sünde“. Und es kommt sogar noch schlimmer. Der Mensch ist nicht nur an die Sünde gebunden, sondern über die Sünde ist er auch noch an den Satan gebunden, der nun sein Herr ist und dem er dienen muss.

Deshalb bedeutet Errettung durch das Evangelium und Glaube an Jesus Christus, dass ein Mensch von der Knechtschaft der Sünde UND des Satans befreit werden muss. Deshalb wird die Bekehrung der Heiden in der Apostelgeschichte auch mit folgenden Worten beschrieben:

„… damit sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht und von der Herrschaft des Satans zu Gott“ (Apg 26,18).

b) Die Rückkoppelung an Gott

Der natürliche Mensch muss also von der Herrschaft des Satans befreit werden zu Gott. Deshalb wird bei den Christen an dieser Stelle auch von einem „unfreien Willen“ gesprochen. Da der Mensch unter der Herrschaft des Satans und der Knechtschaft der Sünde steht, ist auch sein Wille an die Sünde und den Satan rückgekoppelt und muss befreit werden. Und dies geschieht durch Gott und das Evangelium.

Wie Gott also Israel aus der Knechtschaft des Pharao (der bildlich für den Satan steht) befreien musste, um es in das gelobte Land Kanaan zu führen, so muss Gott auch den Sünder, der mit seinem Willen an die Sünde gebunden ist, in die Freiheit führen. Und dies geschieht dann tatsächlich durch das Evangelium. Menschen kommen von der Finsternis zum Licht, sie kommen von der Herrschaft des Satans zu Gott. Und für sie gilt dann auch das Wort: Wen der Sohn freimacht, der ist wirklich frei. Sie sagen dann: Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen und das ganz freiwillig ohne Zwang.

Aber gleichzeitig gilt auch die andere Wahrheit der Bibel und sie sagen mit Paulus: Ich bin ein Knecht Jesu Christi.

Auch nach seiner Wiedergeburt befindet sich der Christ nicht in einem neutralen Raum. Vorher war er durch die Sünde an Satan rückgekoppelt und war damit unter der Herrschaft des Satans und jetzt ist er an Gott rückgekoppelt und deshalb heißt es, dass er ein Knecht Jesu Christi ist. Doch diese „Knechtschaft“ unter dem Herrn Jesus Christus ist eine ganz andere als unter der Herrschaft des Satans. Unter der Herrschaft Jesu Christi ist der Mensch wirklich frei, er steht in einer Liebesbeziehung zu Gott, alle Dinge dienen ihm zum Besten und es endet in der ewigen Herrlichkeit im Himmel.

Zusammenfassung: Lassen wir uns deshalb durch das Evangelium und das vollbrachte Werk Christi am Kreuz von der Herrschaft der Sünde und des Satans befreien und uns an Christus rückkoppeln. Dann ist er unser guter Herr und wir sind dann wirklich frei, während wir gleichzeitig ihm dienen und Knechte des besten Herrn der Welt sind.

Auch wenn das manche für einen Widerspruch halten mögen und hier nicht selten unterstellen, der Mensch würde zu einer willenlosen Marionette gemacht, so ist dieses biblische Paradox dennoch die biblische Wahrheit und wahre Christen lassen beides als Gottes Wort nebeneinander stehen: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.