Ist der Mensch einem unabänderlichen Schicksal ausgeliefert oder kann er einen Unterschied machen? (Dirk Noll)

Ist der Mensch einem unabänderlichen Schicksal ausgeliefert oder kann der Mensch einen Unterschied machen?

Wenn man sich mit den heidnischen Denkern und Dichtern beschäftigt, dann muss man feststellen, dass der Gedanke weit verbreitet ist, dass der Mensch einem unabänderlichen Schicksal ausgeliefert ist, wo der Mensch keinen Unterschied mehr machen kann. Denken wir hier an die antiken Stoiker, die auch in Apostelgeschichte 17,18 auftauchen und eine Philosophie lehrten, wo sich der Mensch nur in dieses Schicksal einfügen kann, aber keinen Unterschied mehr machen kann. Auch nicht viel anders sieht es in der modernen Philosophie aus, hier schrieb Arthur Schopenhauer im 19. Jahrhundert: „Das Schicksal mischt die Karten und wir spielen“. Man nennt diesen Glauben an ein unabänderliches Schicksal, bei dem der Mensch keinen Unterschied mehr machen kann, Fatalismus.

Wir wollen uns nun mit der Religion beschäftigen. Finden wir dort auch einen solchen Schicksalsglauben? Beginnen wir mit dem Islam. Dort steckt dieser Schicksalsglaube, der Fatalismus, bereits in dem Wort „Islam“, denn Islam bedeutet übersetzt „sich unterwerfen“ oder sich „in den Willen Gottes ergeben“. Im Islam ist der Mensch so dem Willen Gottes ausgesetzt, dass er keinen Unterschied mehr machen kann. Siehe hierzu die „Enzyklopädie des Islam“:

Das arabische Wort Islām (islām / إسلام) ist ein Verbalsubstantiv zu dem arabischen Verb aslama („sich ergeben, sich hingeben“). Es bedeutet wörtlich das „Sich-Ergeben“ (in den Willen Gottes), „Sich-Unterwerfen“ (unter Gott), „Sich-Hingeben“ (an Gott), oft einfach mit Ergebung, Hingabe und Unterwerfung wiedergegeben.

Man kann also durchaus sagen, dass der Islam das gleiche Konzept von einem Schicksalsglauben aufweist wie das Heidentum.

Wie sieht das nun aber mit dem Christentum aus?

Nun gibt es einen christlichen Internetprediger, der einen YouTube-Kanal betreibt und selbst einen Hintergrund in der islamischen Welt hat. Dieser hat kürzlich behauptet, dass auch in einem großen Teil der Christenheit, besonders im Calvinismus, dieses islamische Gottesbild vorhanden wäre, dass Gott alle Dinge bestimmt und der Mensch keinen Unterschied mehr machen kann.

Frage: Entspricht dies den Tatsachen, oder ist dies nur ein konstruiertes Gedankengebilde dieses Predigers, mit dem er das islamische Gottesbild auf das christliche projiziert?

Antwort: Im Folgenden soll nun nachgewiesen werden, dass dem nicht so ist. Ganz im Gegenteil. Im christlichen Glauben wird in ganz besonderer Weise der Mensch in eine bewusst und willentlich vor Gott verantwortlich handelnde Position hineingestellt und auch ganz besonders im Calvinismus, wie gleich zu zeigen ist. Der christliche Glaube ist also genau das Gegenteil des heidnischen Schicksalsglaubens und des islamischen Fatalismus.

Da die Christen von Anfang an in einer heidnisch griechisch geprägten Welt lebten, mussten sie sich auch mit dem Schicksalsglauben der Stoiker auseinandersetzen und haben diesen ganz klar als unvereinbar mit dem christlichen Glauben angesehen. Diese Position übernimmt auch Johannes Calvin in seiner Institutio (Buch 1, Kapitel 16.8) unter dem Titel „Die Lehre der Vorsehung ist kein stoischer Schicksalsglaube“:

http://www.calvinismus.ch/institutio/die-lehre-von-der-vorsehung-ist-keine-stoischer-schicksalsglaube-institutio-1-16-08/

Und in dieser Überschrift wird auch schon das christliche Gegenstück zum Fatalismus genannt.

Es ist die Vorsehung Gottes.

Die Vorsehung Gottes ist der Ratschluss Gottes, den Gott in der Zeit in dieser Welt umsetzt. Und dabei wird der Mensch zu 100 % in ein verantwortliches Handeln hinein genommen.

Ich will an 2 kurzen Beispielen erklären, wie das funktioniert.

  1. Gott hat in der Bibel verheißen, dass er seine Kinder mit allen leiblichen Gütern versorgen wird, die sie benötigen. Er gibt ihnen Speise und Trank. Der Schicksalsgläubige würde jetzt sagen: Gut, Gott hat es so bestimmt, mich zu versorgen, also warte ich, bis Gott Essen und Trinken wie das Manna vom Himmel fallen lässt. Bei diesem Denken wird die Verantwortung des Menschen ausgehebelt. Das ist unbiblischer Fatalismus. Doch die Bibel sagt hier etwas ganz anderes. Sie nimmt nämlich den Menschen voll verantwortlich in den Ratschluss Gottes mit hinein, in dem der Mensch arbeiten soll, sich also im biblischen Sinne im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen soll. Und dann, wenn er sich seine Nahrung erarbeitet hat, ist es nicht so, dass ihm „die Kirschen in den Mund wachsen“, er muss auch noch essen, das muss er schon selbst tun. Die Antwort, wie Gott den Menschen in die Verantwortung mit hinein nimmt ist der Gebrauch der Mittel. D.h. nun über das Mittel arbeiten und dass der Mensch selbst isst, erfüllt Gott seine Verheißung, den Menschen zu versorgen.
  2. Gleiches gilt für den Gebrauch der geistlichen Mittel. Gott hat verheißen, dass Menschen zum Glauben kommen werden und errettet werden. Das geschieht aber nicht einfach so, sondern der Mensch muss die geistlichen Mittel gebrauchen, das Evangelium und Gebet. Die Christen müssen also hier verantwortlich handeln, indem sie das Evangelium verkünden und für die Nicht-Christen beten. Wir sehen: Durch den Gebrauch der Mittel erfüllt Gott seine Verheißung, dass alle Menschen auf der Welt das Evangelium hören sollen und gleichzeitig werden die Christen in ein vor Gott voll verantwortliches Handeln mit hinein genommen.

Wir sehen also, dass der Mensch sehr wohl einen Unterschied machen kann, indem er ganz einfach die Mittel gebraucht, die Gott ihm gegeben hat. Und vielleicht mag es jetzt den ein oder anderen überraschen. Das, was ich gerade eben beschrieben habe, ist Calvinismus und kann nachgelesen werden in der Institutio in Buch 1 unter Kapitel 16, das mit „Die Vorsehung Gottes“ überschrieben ist.

Fassen wir noch einmal zusammen: Nach christlicher Lehre und calvinistischer Schriften, die man hier wie folgt nachlesen kann, ist der Mensch keinem unabänderlichen Schicksal ausgeliefert wie im Islam oder im Heidentum, sondern wird von Gott voll verantwortlich ins Handeln genommen, indem er Gebrauch von den Mitteln macht. Der Mensch macht also einen Unterschied durch den Gebrauch der Mittel.

An dieser Stelle noch eine kurze Randbemerkung: Warum wird in den USA so viel gearbeitet und warum ist Amerika durch harte Arbeit so groß geworden? Hat das nicht doch etwas mit dem calvinistischen Arbeitsethos zu tun und den Dingen die ich hier beschreibe, also genau dem Gegenteil von passivem Schicksalsglauben? Und noch eine weitere Frage: Warum ist die arabische Welt im Vergleich zur westlichen Welt seit Jahrhunderten so rückständig? Hat dies nicht vielleicht doch etwas mit dem Islam zu tun, in dem sich Muslime in einen passiven Fatalismus begeben haben nach dem Motto „inschallah“, wenn Gott will, wird schon irgendetwas passieren, lassen wir ihn mal machen?

Hier nun der Link zur Institutio von Calvin, was er über die Vorsehung Gottes schreibt:

http://www.calvinismus.ch/category/institutio/buch-1/buch-1-kapitel-16/

Gleiches schreibt auch das reformierte Westminster Bekenntnis unter Artikel 5 „Von der Vorsehung“:

https://www.evangelischer-glaube.de/westminster-bekenntnis/

Oder das reformiert Baptistische Bekenntnis von 1689 unter Artikel 5 „Über die göttliche Vorsehung“:

http://www.reformierte-christen.de/PDFs/Reformiert%20Baptistisches%20Glaubensbekenntnis.pdf

Wer anstatt den Inhalt zu lesen, sich das kompakt einmal in einer Predigt anhören möchte, der kann gerne von mir folgende Predigt dazu hören:

Predigt: Dirk Noll über die Vorsehung Gottes:

Darüber hinaus gibt es noch einen etwas älteren Artikel zu dem Thema Vorsehung Gottes:

[Audio] Die Vorsehung Gottes (Dirk Noll)

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