Was ist Sakramentalismus? (Dirk Noll)

Was ist Sakramentalismus?

Wie die meisten meiner Artikel ist auch dieser aus der Situation heraus entstanden, dass gewisse Dinge unter Christen, die einmal klar waren, unklar geworden sind. Wenn man unter Christen heute nachfragt, was Sakramentalismus ist, dann hört man verschiedene landläufige Meinungen darüber, die nicht immer ganz richtig oder manchmal ungenau sind und bei der Nachfrage, wo diese Dinge stehen, können diese häufig von Christen nicht dokumentiert werden.

Deshalb soll es Aufgabe dieses Artikels sein, hier eine ganz genaue Definition von Sakramentalismus wiederzugeben und diese auch zu dokumentieren.

  1. Definition von Sakramentalismus

Kurz gesagt, verbirgt sich hinter dem Sakramentalismus das römisch-katholische Verständnis von Taufe und Abendmahl. Hiergegen richtete sich eine Hauptstoßrichtung der Reformation. Die Reformatoren sahen das katholische Sakramentsverständnis als eines der Hauptirrtümer und Hauptprobleme der Römischen Kirche an und als eines der größten Hindernissen für einen Glauben an das Evangelium und an Christus in der Weise, wie die Schrift es sagt.

Sakramentalismus ist nach den Reformatoren ein falsches Verständnis davon, wie Taufe und Abendmahl wirken.

Eine absolut zutreffende Definition von Sakramentalismus habe ich in der Zeitschrift „Perspektive“ von den Dillenburger Brüdern gefunden (Verlag CV Dillenburg):

„Luther kämpfte gegen die Überfrachtung des Glaubens durch einen Sakramentalismus, der „ex opere operato“ wirken soll. Durch bloßen Vollzug soll hier Heil gewirkt werden [1].

  1. Sakramentalismus und die Wirkung des Heils durch bloßen Vollzug

Wie bereits gesagt, soll hier genau dokumentiert werden, was Sakramentalismus ist. In o.g. Definition der Dillenburger Brüder wird genau die katholische Lehre wiedergegeben. Diese findet sich im Kompendium zum Katechismus der Katholischen Kirche (auf Seite 65):

„229. Warum sind die Sakramente wirksam?
Die Sakramente wirken ex opere operato (aufgrund der vollzogenen sakramentalen Handlung)“.

https://kathleben.de/wp-content/uploads/2016/06/Katechismus-der-Katholischen-Kirche-Kompendium.pdf

Beim Sakramentalismus geht es also um ein falsches Verständnis der Wirksamkeit von Taufe und Abendmahl. Wie wirken die Sakramente nach katholischem Verständnis? Antwort aus dem Kompendium zum Katechismus: „Die Sakramente wirken ex opere operato“, also allein aufgrund der vollzogenen Handlung.

  1. Kritik am Sakramentalismus

Wo liegt nun das Problem an diesem Sakramentsverständnis bzw. was haben die Reformatoren mit der Bibel an der Hand daran kritisiert.

Nach Bibel und Kritik der Reformatoren müssen Taufe und Abendmahl im Glauben empfangen werden, damit sie wirksam sind. Beim Sakramentalismus dagegen werden Taufe und Abendmahl in unbiblischer Weise eine Wirksamkeit zugesprochen allein aufgrund des Vollzugs der Handlung und das auch ohne persönlichen Glauben des Empfängers.

Ich will versuchen, das mal an einem Beispiel zu verdeutlichen. Beim Sakramentalismus wirkt das Sakrament wie ein Medikament – eben allein durch den Vollzug. Ich besitze z.B. Schmerztabletten, welche ich hin und wieder einmal bei Kopfschmerzen einnehme. Auf der Verpackung steht drauf, dass eine Tablette 400 mg Ibuprofen enthält. Wenn ich nun die Schmerztablette nehme, dann wirkt diese auf „sakramentalistische Weise“. Die Tablette wirkt aufgrund des Vollzugs – also der Einnahme der Tablette –, und dabei ist es völlig unerheblich, ob ich nun daran glaube, dass die Tablette wirkt oder nicht wirkt. Sie wirkt ganz einfach aufgrund des Inhaltsstoffs bei der Einnahme.

In vergleichbarer Weise glaubt der Katholizismus an die Wirkung von Taufe und Abendmahl – bei Vollzug wirken sie angeblich Heil, und das unabhängig davon, ob jemand daran glaubt oder nicht: DAS IST SAKRAMENTALISMUS.

  1. Das Urteil der Reformatoren

Wie haben nun die Reformatoren über diese Lehre des Sakramentalismus geurteilt?

Das reformierte Westminster Bekenntnis schreibt hier: „Die Gnade … wird nicht durch irgendeine Kraft in ihnen (den Sakramenten) empfangen“.

Taufe und Abendmahl haben also keine innewohnende Kraft (wie z.B. der Wirkstoff in einem Medikament), durch die die Gnade gewirkt werden könnte. Vielmehr empfangen nur „würdige Empfänger“ Gnade (also diejenigen, die Taufe und Abendmahl im Glauben empfangen).

https://soulshappiness.files.wordpress.com/2007/10/westminster_bekenntnis.pdf

(Auf Seite 130 der Artikel 27,3)

Weil der Sakramentalismus nun im katholischen Abendmahl dazu geführt hat, dass eine Wandlung (Transsubtantation) geschehen soll, sprich dass die Hostie angeblich tatsächlich in den Leib Christi verwandelt wird und somit Christus immer wieder neu geopfert wird, haben die Reformatoren das katholische Sakrament als schlimme Irrlehre verworfen.

Wörtlich schreibt der Heidelberger Katechismus zum katholischen sakramentalistischen Abendmahl: Das ist „eine verfluchte Abgötterei“.

https://reformationsgesellschaft.de/bekenntnisse/heidelberger-katechismus/

(Unter Frage 80)

  1. Sakrament und Glaube

Wie wir gesehen haben, führt der Sakramentalismus dazu, dass Menschen Taufe und Abendmahl empfangen, ohne dass dabei der Glaube des Empfängers erforderlich ist.

Wie ist nun zu begründen, bzw. wie haben die Reformatoren es begründet, dass Taufe und Abendmahl im Glauben empfangen werden müssen und der reine Vollzug (ex opere operato) unbiblisch ist?

Wenn man hier die Schriften von Luther betrachtet, dann sah er im Sakramentalismus ein Haupthindernis für den Glauben an Christus und an das Evangelium. Wie hat Luther hier nun in seinen Schriften immer wieder massiv dagegen argumentiert?

Eines der Hauptargumente von Luther ist hier, dass er Taufe und Abendmahl mit dem Wort Gottes (der Bibel) gleichsetzt. Eines der Hauptargumente von Luther gegen den Sakramentalismus ist in sämtlichen seiner Schriften immer wieder die Aussage, dass Taufe und Abendmahl verbum visibile sind – also auf Deutsch: sichtbares Wort Gottes [2].

Taufe und Abendmahl sind also sichtbares Wort Gottes bzw. Evangelium. Das Evangelium redet von dem am Kreuz gebrochenen Leib Christ und seinem dort vergossenem Blut. Beim Abendmahl werden der Leib Christi und das Blut Christi symbolisch in Form von Brot und Wein in sichtbarer Gestalt dargestellt. Das Abendmahl ist also sichtbares Wort Gottes. Gleiches gilt für die Taufe. Das Evangelium redet von der Vergebung der Sünden und der Reinwaschung von den Sünden durch das Blut Christi. Das Wasser der Taufe stellt symbolisch die Reinigung von den Sünden dar. Die Taufe ist also sichtbares Wort Gottes.

Wenn Taufe und Abendmahl nun Wort Gottes sind in sichtbarer Gestalt und mit dem Wort Gottes / Evangelium gleich zu setzen sind, dann ist es selbstredend, dass sie auf den Glauben des Empfängers abzielen. Denn das Evangelium ist immer mit dem Aufruf zum Glauben verbunden. Da dies so offensichtlich ist, ist hier eine Auflistung von entsprechenden Bibelstellen nicht notwendig.

Jedoch möchte ich ein Beispiel dafür geben, dass das Wort Gottes auf den Glauben abzielt. Denken wir an Abraham. Er bekam ein Wort Gottes in Form der Verheißung auf einen Nachkommen. Und wenn Gott ein Wort an einen Menschen richtet, dann zielt es immer darauf ab, dass der Mensch das Wort Gottes im Glauben annimmt und empfängt.

Abraham reagierte auf das Wort Gottes so: „Und [Abram] glaubte dem HERRN, und das rechnete Er ihm als Gerechtigkeit an“ (1.Mose 15,6).

Abraham glaubte dem Herrn – sprich dem Wort seiner Verheißung auf einen Nachkommen. Deshalb wurde Abraham später dann auch zum Vater des Glaubens und zum Vorbild für alle Gläubigen nach ihm.

Das Wort Gottes muss also im Glauben empfangen werden und so auch das verbum visibile – das sichtbare Wort: Taufe und Abendmahl.

In diesem Zusammenhang steht auch die ganze Lehre von der Rechtfertigung allein aus Glauben der Reformatoren. Denn das „vierfache allein“ steht immer als Gegensatz einer Sache gegenüber. Das „allein“ die Schrift stellt einen Gegensatz dar zur Tradition der Römischen Kirche. Nein, nicht die Tradition ist die Grundlage für den Glauben, sondern die Schrift – die Schrift „allein“. Und Gleiches gilt auch für das „allein“ durch den Glauben. Nicht die Werke und die Sakramente sind die Grundlage für das Heil eines Menschen, sondern der Glaube – der Glaube „allein“.

6. Zusammenfassung

Wir haben nun gesehen, um was es beim Sakramentalismus geht. Es geht um eine falsche Wirkweise von Taufe und Abendmahl in der Lehre der Römischen Kirche. Sie behauptet nämlich, dass Taufe und Abendmahl schon durch den Vollzug der Handlung wirken sollen und dadurch Gnade vermittelt wird.

Dem haben die Reformatoren vehement widersprochen, und weil Taufe und Abendmahl sichtbares Wort Gottes sind, müssen diese auch im Glauben empfangen werden.

Natürlich sind hiermit noch nicht alle Aspekte und Fragen im Hinblick auf Taufe und Abendmahl behandelt, aber der wesentliche Punkt ist geklärt, nämlich dass es nicht nur um den Vollzug einer Handlung geht, sondern um den persönlichen Glauben eines Menschen, durch den er errettet wird.

Es geht also um die Kernfrage von Rettung und Verlorengehen. Wenn eine kirchliche Lehre den Glauben an das Evangelium aushebelt – und das tut der Sakramentalismus – dann muss dieser Lehre vehement widersprochen werden und wieder neu herausgestellt werden, was biblischer Glaube ist.

Deshalb sollten Christen den Sakramentalismus entschieden ablehnen und wenn sie Taufe und Abendmahl empfangen, dann sollten sie vor Augen haben, dass es sich hier um Evangelium und sichtbares Wort Gottes handelt und ihr persönlicher Glaube gefragt ist.

[1] Die Zeitschrift „Perspektive“ kann unter folgenden Link heruntergeladen werden: https://www.cv-perspektive.de/archiv, unter 2017 / Ausgabe 5 / 7 komplett (das Zitat findet sich auf Seite 2).

[2] Siehe Scholien zu Hebräer 5,1 (1517/18), Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche (1521) / WA 57/III, 170,5ff., Resolutiones zur 7 Ablassthese 1518, Taufpredigt von 1534 und siehe sämtliche Ausführungen Luther zu dem Tractatus in joannem 80,3 von Augustinus, https://books.google.de/books?id=zRAUYTAD2IUC&pg=PA24&lpg=PA24&dq=verbum+visibile+luther&source=bl&ots=A1XnKIJiZR&sig=ACfU3U2H76R1RslVwD5_QBMJsPBgX8DUkw&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwjrybnBsrjkAhVoMewKHV-GDMcQ6AEwCHoECAcQAQ#v=onepage&q=verbum%20visibile%20luther&f=false

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