Was ist eine Irrlehre? (Dirk Noll)

Was ist eine Irrlehre?

Durch den Einfluss des modernen Zeitgeistes auf die Christen erleben wir in unseren Tagen unsägliche Streitigkeiten, weil sich Christen mit extremer Häufigkeit gegenseitig der Irrlehre bezichtigen. Dabei sind sich die meisten Christen, welche das Wort „Irrlehre“ in den Mund nehmen, oft gar nicht im Klaren darüber, was Irrlehre überhaupt ist.

  1. Was ist Irrlehre?

Um diese Frage zu beantworten, möchte ich ein Bibelwort aus 1.Timotheus 1,13 an den Anfang stellen: „Ich habe dich ja … ermahnt, dass du gewissen Leuten gebietest, keine fremde Lehren zu verbreiten“.

Paulus ermahnt hier Timotheus, dass er unter den Christen keine „fremden Lehren“ zulassen soll, d.h. also keine Irrlehren. Aber was genau ist eine Irrlehre?

Wenn man hier in der Gesamtheit betrachtet, was die Bibel über Irrlehre sagt, dann geht es um Lehren, die das Evangelium in ihrem Kern so verfälschen, dass ein Mensch, der daran fest glaubt, verlorengeht und Christus nicht wirklich erkennen kann. Irrlehren zerstören also den biblischen Glauben an Christus und führen einen Menschen in die ewige Verdammnis, und deshalb ist es auch völlig klar, dass solche Lehren unter Christen verbannt werden müssen.

  1. Wer darf und soll definieren, was Irrlehre ist?

Heute ist es in der Praxis so, dass Christ A den Christ B der Irrlehre bezichtigt und umgekehrt und dann häufig in sozialen Netzwerken verbreitet. Wird die Sache noch weiter getrieben, dann wird ein Artikel darüber geschrieben und im Internet verbreitet oder ein Buch geschrieben, wo dann Christ A oder Christ B ihre Meinung kundgeben.

Hier an diesem Punkt muss man sagen, dass diese Praxis komplett unbiblisch ist, was nun zu begründen ist!!!

Auch hierzu möchte ich ein Bibelwort anführen aus Apostelgeschichte 20,27-30:

Ich „habe euch den ganzen Ratschluss Gottes verkündigt. So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde … und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen in ihre Gefolgschaft“ (Apg. 20,27-30).

Die Betonung liegt hier auf euch. Wem ist es also aufgetragen im Hinblick auf Irrlehre auf die Gemeinde Gottes zu achten? Ja, richtig ihr sollt darauf achten, in dem Zusammenhang also die Männer, die ordentlich zu diesem Dienst berufen sind, hier konkret die Ältesten der Gemeinde in Ephesus.

Um es noch allgemeiner zu sagen auf die gesamte Gemeinde Jesu bezogen: Die Beurteilung, was eine Irrlehre ist, also eine so starke Verfälschung des Evangeliums, dass es Menschen in die Verdammnis führt, ist Aufgabe der gesamten Gemeinde Jesu!!!

Wenn also einzelne Personen auftreten, z.B. Christ A oder Christ B (und häufig nehmen sie dann auch noch den einen oder anderen hinzu, der ebenfalls ihre Meinung vertritt) und bezeichnen eine Lehre als Irrlehre, dann haben sie sich damit schon automatisch disqualifiziert, wenn es nicht die Lehre der gesamten Gemeinde ist.

Ein Beispiel dafür: Ich bin einige Male von Judaisierern als „Irrlehrer“ bezeichnet worden, weil ich den Tag des Herrn (also den Sonntag) als Ruhetag und Tag des Gottesdienstes sehe. Und es ist ganz offensichtlich, dass dies keine Irrlehre sein kann, weil:

a) dies keinen Christen zum Abfall von Christus und dem Evangelium führen und somit auch nicht in die Verdammnis führen kann.

b) in den 2000 Jahren Christenheit kein Dokument bekannt ist, dass diese Praxis als „Irrlehre“ bezeichnet hat. Im Gegenteil, die Reformation z.B. sagt sogar in ihren Bekenntnissen, angefangen mit dem Kleinen Katechismus von Martin Luther, dass Christen den Tag des Herrn, also den Auferstehungstag Jesu, am Sonntag begehen.

3. Was sind klare Irrlehren, die von der gesamten Gemeinde Jesu auch als Irrlehren bezeichnet wurden und werden?

Hier sind 4 Dinge zu nennen, die sowohl von ordentlichen Dienern Jesu festgestellt als auch vom Hauptstrom der Christen angenommen wurden und werden.

a) Die Altkirchlichen Bekenntnisse

Sie lehren die Gottheit Jesu und verwerfen solche Leute als „Irrlehrer“, die Lehren verbreiten, in denen die Gottheit Jesu geleugnet wird.

Warum?

Weil der Mensch gegen einen unendlichen Gott gesündigt hat und somit kann der Mensch auch nur durch ein Opfer, das von Gott selbst erbracht wurde, errettet werden. Wäre Jesus also nicht Gott, dann könnte kein Mensch errettet werden und das Evangelium wäre hinfällig.

b) Die reformatorischen Bekenntnisse

Sie lehren die biblische Gnadenlehre und verwerfen die Gnadenlehre der Römischen Kirche als Irrlehre.

Warum?

Weil die Römische Kirche seit dem Mittelalter bis heute lehrt, dass die Werke des Menschen und seine frommen und religiösen Bemühungen die Grundlage des Heils sind. Die Bibel dagegen lehrt, dass die Gnade Gottes die Grundlage für das Heil des Menschen ist. Die Römische Kirche verwirft damit letztendlich das Evangelium der Bibel und damit auch Christus selbst.

c) Die Berliner Erklärung 1909

Diese unterstellt der Pfingstbewegung Irrlehre.

Warum?

Weil die Pfingstbewegung sagt, dass spektakuläre Geistesgaben wie die Zungenrede Zeichen für einen Christen wären. Doch nach der Bibel ist das Zeichen für einen echten Christen, dass er das wahre Evangelium glaubt und bekennt und durch seine Heiligung die entsprechenden Früchte des Glaubens hervorbringt. Auch wenn die Berliner Erklärung von 1909 ist, so kann man doch sehen, dass dies immer so von den Christen gelehrt wurde, geht man in die Alte Kirche, dann war dies so und auch in der Reformation hat man so gelehrt.

d) Die Chicago-Erklärung 1978

Sie bezeichnet die moderne Bibelkritik als Irrlehre.

Warum?

Weil diese die Bibel als das irrtumslose Wort Gottes leugnet. Kann sich der Glaube nicht mehr auf das biblische Wort gründen oder sich auf das Wort als Wahrheit verlassen, dann bleiben dem Menschen nur noch religiöse Gefühle und Erfahrungen, die aus dem Inneren seines Seelenlebens kommen. Ein biblisches Verständnis vom Glauben an Christus ist also damit dahin.

Auch wenn die Chicago Erklärung von 1978, so ist dies auch eine Lehre der gesamten Gemeinde Jesu. Dafür will ich nur ein Beispiel anführen aus der Reformationszeit. Auch der Katholizismus war damals schon bibelkritisch indem er sagte, dass die Bibel unklar wäre. Denken wir daran, dass Luther hier die Klarheit der Schrift (claritas scripturae) entgegengehalten hat. Aufgrund der unterstellten Unklarheit der Schrift konnte dann die Römische Kirche die Verantwortung für biblische Lehre allein in die Hände des Klerus verlegen und sah das allgemeine Kirchenvolk für zu dumm an, um mit der angeblichen Unklarheit der Schrift zurecht zu kommen und die Bibel zu verstehen.

  1. Wie sieht nun die Praxis aus?

Wenn ich also jemanden der Irrlehre bezichtige, dann muss ich fragen, was glaubt und lehrt die gesamte Gemeinde der vergangenen 2000 Jahre. Das heißt konkret, wenn ich eine Lehre als Irrlehre bezeichne, dann werde ich nicht kreativ und schaue mal, was meine persönliche Privatmeinung dazu ist, wie also mir eine Lehre schmeckt oder auch nicht schmeckt, sondern ich bin konservativ.

Ich bezeichne z.B jemanden als Irrlehrer, weil er die Gottheit Jesu oder die Gnadenlehre der Bibel verleugnet. Dies tue ich aber nicht, weil es meine Meinung oder meine persönliche Erkenntnis ist, sondern weil dies die Lehre und Erkenntnis der gesamten Gemeinde Jesu ist, die sie dann in entsprechenden Bekenntnissen schriftlich formuliert, erklärt und aus der Bibel bewiesen hat.

  1. Hat der einzelne Christ, dann nichts mehr zu sagen?

Nein, im Gegenteil. Hier möchte ich auf das allgemeine Priestertum aller Gläubigen hinweisen, wie es auch in der Reformation wieder neu betont wurde. Jeder darf aufstehen und eine Sache als Irrlehre bezeichnen. Ich lasse es mir auch gefallen, wenn mich jemand der Irrlehre bezichtigt, allerdings nur dann, wenn er wirklich dokumentieren kann, dass ich etwas anderes lehre, als das, was die gesamte Gemeinde als biblische Lehre festgestellt hat. Bezeichnet mich jemand als Irrlehrer aufgrund seiner Privatmeinung und Privaterkenntnis (oft wird dieser dann mit einer Anreihung von Bibelversen noch ein frommer Anstrich gegeben), so ist das von vorneherein hinfällig, weil es sich um die Lehre der gesamten Gemeinde Jesu handeln muss.

Zum Schluss noch eine kurze Anmerkung. Ich bin jetzt seit 11 Jahren auf Facebook und habe viele, viele, viele, viele, viele Dinge gelesen, die unbiblisch sind, die eine falsche Auslegung von Bibelversen sind oder die Irrtümer sind. Diese sind deshalb aber noch nicht automatische Irrlehren. Versuchen wir hier also genau zu unterscheiden und gebe uns der Herr die nötige Weisheit dazu.

Zur besseren Orientierung führe ich im Folgenden die Bekenntnisse der Christen als PDF auf, die von der gesamten Gemeinde Jesu erstellt und angenommen wurden, wo man verschiedene Lehren auch noch einmal im Detail mit ihrer Erklärung nachlesen kann:

  1. Die altkirchlichen Bekenntnisse (sie formulieren und verteidigen die biblische Dreieinigkeit Gottes):
    http://www.reformatio.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/08/Altkirchliche_Bekenntnisse.pdf
  1. Die reformatorischen Bekenntnisse (sie verteidigen die biblische Gnadenlehre und verwerfen die katholischen Sonderlehren des Mittelalters):
  1. Neuere Bekenntnisse des 20. Jahrhunderts

Die Berliner Erklärung 1909 (setzt sich mit der Pfingstbewegung auseinander)
http://www.reformatio.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/08/Berliner_Erklaerung.pdf

Die Chicago Erklärung 1978 (setzt sich mit der Bibelkritik und modernen Theologie auseinander)
http://www.reformatio.de/wordpress/wp-content/uploads/2013/09/Chicago-Erklaerung.pdf

Zur weiteren Erklärung, warum das Bekenntnis der gesamten Gemeinde für die Lehre ausschlaggebend ist und nicht die Privatmeinung von Einzelnen, siehe auch der Artikel auf DER RUF: Bibel und Bekenntnis

https://der-ruf.info/2019/04/24/bibel-und-bekenntnis-artikel-dirk-noll/

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