Was ist an dem Römischen Evangelium falsch? (Dirk Noll)

Was ist an dem Römischen Evangelium falsch?

Man sollte eigentlich meinen, dass diese Frage unter bibeltreuen Christen oder Christen mit einem Hintergrund im Protestantismus klar sein sollte.

Doch ist diese Frage heute unter Christen wirklich so klar?

Meiner Erfahrung nach: nein. Denn sonst würden nicht so viele in der Christenheit heute mit der Ökumene symphatisieren, die unter Führung der Römischen Kirche steht, und sonst würden auch nicht so viele Christen unter dem Einfluss des Römischen Evangeliums stehen ohne es zu merken.

In einer Predigt aus dem Jahr 1876 warnte der Fürst der Prediger C.H. Spurgeon schon damals seine christliche Versammlung: „Lasst euch nicht betrügen, Rom hat seine Ansichten nicht geändert … und ihr Protestanten, die ihr heute eure Freiheiten so spottbillig wegschleudert, werdet den Tag beklagen, wo ihr euch die alten Ketten ums Handgelenk legen ließet“.

http://www.glaubensstimme.de/doku.php?id=autoren:s:spurgeon:u:spurgeon-und_warum_nicht&s[]=ketten&s[]=rom
(Kapitel 2, letzter Absatz)

Über 140 Jahre später erscheint diese Botschaft von Spurgeon fast prophetisch gewesen zu sein. Genauso ist es gekommen. Rom hat sich auch bis heute nicht geändert und verkündet immer noch das gleiche (falsche) Evangelium wie zur Zeit von Spurgeon und der Zeit der Reformation. Auch haben die Protestanten in weiten Teilen ihre Freiheit durch das Evangelium der Gnade billig verschleudert und haben sich wieder unter die Ketten Roms spannen lassen, indem sie wieder zu dem Römischen Evangelium der Knechtschaft zurückgekehrt sind.

Wie sieht dies nun aus im Hinblick auf konservative christliche Kreise? Lehnen diese nicht konsequent den Katholizismus ab?

Was die äußeren Formen anbetrifft: ja. Der Großteil der konservativen Christen lehnt die äußeren, klar zu erkennenden Irrtümer ab wie Marien- und Heiligenverehrungen, das Papsttum und seine Unfehlbarkeit, das Zölibat, den Sakramentalismus, durch den Jesus im Abendmahl immer wieder neu geopfert wird etc. Kurzum: Viele erkennen die offenen Irrtümer der Römischen Kirche, die in der mittelalterlichen Tradition entstanden sind.

Doch wie sieht es aber mit dem Römischen Evangelium aus? Dieses ist schließlich der Grund dafür, das all die äußeren o.g. Irrtümer entstanden sind.

Inwieweit wird heute in konservativen Kreisen noch das Kernproblem des Katholizismus verstanden: das Römische Evangelium?

Und hier sind aus meiner Sicht es nicht nur die Ökumeniker, sondern auch viele Konservative, die hier im Dunkeln stehen. Deshalb wollen wir uns im Folgenden das Römische Evangelium etwas genauer anschauen und herausstellen, was daran falsch ist.

1. Das Römische Evangelium ist im Katholischen Katechismus formuliert

Hier fängt eine gewisse Form von Unkenntnis über das Römische Evangelium schon an, wenn man einmal nachfragen würde, wo kann man das überhaupt im originalen Wortlaut nachlesen und wie hat die Katholische Kirche ihr Evangelium selbst definiert und formuliert?

Man findet das Römische Evangelium im Kathechismus der Katholischen Kirche, und zwar hat man in der Christenheit über Jahrhunderte hinweg das Evangelium unter der Rechtfertigungslehre formuliert. Um also zu sehen, wie Rom das Evangelium definiert, schauen wir unter dem Artikel „Rechtfertigung“ im Katholischen Katechismus nach:

http://www.vatican.va/archive/DEU0035/_P74.HTM#HC

Unter diesem Paragraphen ist eine ganze Menge geschrieben über Gnade und Rechtfertigung, doch uns soll nur der Kern, also das Herzstück des Römischen Evangeliums interessieren und zwar der Absatz 1993:

„Die Rechtfertigung begründet ein Zusammenwirken zwischen der Gnade Gottes und der Freiheit des Menschen …“.

2. Die Kooperation Zwischen Gott und Mensch – der Kern des katholischen Irrtums

Hier an dieser Stelle liegt das Herz und das Evangelium, aus dem aller katholischer Glaube fließt, nämlich das Zusammenwirken (griech. Synergismus; lat. Cooperatio) zwischen Gott und Mensch. Auch alle äußerlichen Abweichungen von der Bibel wie Papsttum, Heiligenverehrungen und Sakramentalismus konnten nur auf dieser Grundlage entstehen.

Doch was genau soll an einem Zusammenwirken zwischen Gott und Mensch falsch sein?

Diese Frage ist berechtigt, denn in den Ohren vieler Evangelikaler bis hinein in Kreise konservativer Christen klingt diese Lehre biblisch. Wie oft wird dort gesagt: Gott gibt Gnade und der Mensch muss dann auch seinen Beitrag leisten, indem er gehorsam ist und gute Werke tut. Ja, ich gebe zu, es klingt auf den ersten Blick biblisch – ist aber genau das Gegenteil von biblisch.

3. Das konkrete Problem bei der Kooperation Gott und Mensch

Ich wurde einmal in einer Gemeindeversammlung nach einer Predigt gefragt: Dirk, sag einmal, was ist deine Meinung dazu? Wenn ein Mensch gerettet wird, wie viel Prozent wirkt dabei die Gnade Gottes und wie viel Prozent muss der Mensch tun? Der Bruder, der in dem Gespräch bereits die Gnade Gottes groß gemacht hatte, erwartete nun, dass ich sagen würde: Der Anteil der Gnade Gottes würde 90 oder 95 % betragen und der Beitrag des Menschen 5 oder 10 %.

Als ich aber antwortete, der Beitrag des Menschen liegt bei 0 % und es ist 100 % die Gnade Gottes, durch die ein Mensch errettet wird, war der Bruder doch sichtlich geschockt. Damit hatte er nicht gerechnet. Und da er auch nicht merkte, dass sein Glaube, aus welchen Gründen auch immer, auf die katholische Schiene geschoben worden war, mussten wir ganz neu darüber sprechen, was biblische Gnaden- und Rechtfertigungslehre ist im Gegensatz zum Evangelium Roms.

4. Die Herkunft der Lehre von der Kooperation Gott und Mensch

Diese Lehre wurde im 13. Jahrhundert von dem bekannten katholischen Theologen Thomas von Aquin in seinem Hauptwerk „Summe der Theologie“ formuliert und anschließend zum verbindlichen katholischen Evangelium erklärt, das bis heute noch gilt und im Katechismus zu finden ist.

Das Problem von Thomas war gewesen, dass er versuchte auf der einen Seite die Gnade Gottes und auf der anderen Seite die guten Werke des Menschen „unter einen Hut“ zu bringen. Doch anstatt dies auf Grundlage der Bibel zu tun, löste er diese Spannung mit Hilfe der Philosophie des Aristoteles auf und so kam er zu der Lehre: Die Kooperation von Gott und Mensch würden zum Heil führen (im lateinischen Original cooparatio hominis cum deo). Ein genauer Nachweis, wie hier die griechische Philosophie in das Römisch Evangelium durch Thomas von Aquin eingeflossen ist, siehe in folgendem theologischen Aufsatz:

Dies führte unter dem Strich dann zu einer Rechtfertigung des Menschen aus seinen Werken und der Aushebelung der Gnade Gottes, was wir im nächsten Punkt sehen werden.

5. Die Antwort der Reformation – allein die Gnade

Genau auf o.g. katholische Lehre antwortete Luther und auch alle anderen Reformatoren unisóno mit der Formel „allein die Gnade“. Wenn Luther also nur anhand der Bibel eine Ausarbeitung gemacht hätte, wie ein Mensch zum Heil gelangt, dann hätte er gesagt: Der Mensch wird aus Gnade gerettet. Denn allein aus der Bibel wird klar: Eine Rettung aus Gnade schließt die Werke des Menschen aus; man hätte das „allein“ also gar nicht betonen müssen, da es von der Bibel her selbstredend ist:

„Denn aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben … nicht aus Werken“ (Eph 2,8.9).

Damit ist nun nicht gemeint, dass ein Christ keine gute Werke bräuchte, im Gegenteil, die guten Werke beweisen die Echtheit seines Glaubens. Aber die guten Werke kann der Mensch nicht in das Heil mit einbringen. Und das ist genau das, was das Römische Evangelium in seiner Kooperation zwischen Gott und Mensch lehrt.

Und selbst wenn der Mensch nur 1 % oder ein 1/2 % Prozent als Beitrag zu der Gnade Gottes mit einbringen könnte, dann wäre Gnade nicht mehr Gnade.

Sehen wir das Problem?

Wenn wir durch ein Zusammenwirken den Menschen auch nur mit 1 % an dem Heil beteiligen, dann gründet sich die Rettung des Menschen nicht mehr ganz auf das Kreuz und das Werk Christi. Der Mensch kann sich verdienstlich mit einbringen und somit steht dann unter dem Strich in der Tat eine Rechtfertigung des Menschen aus seinen Werken, wie der katholischen Kirche zur Recht von Seiten der Reformation vorgeworfen wurde.

Auf diesem Hintergrund ist also das „allein die Gnade“ der Reformation zu verstehen. Hätte man nicht gegen den Katholizismus argumentieren müssen, dann hätte man von der Bibel her gesagt: Der Mensch wird aus Gnade gerettet, weil von der Bibel klar ist, dass jedes Werk des Menschen im Hinblick auf seine Wiedergeburt und Annahme bei Gott ausgeschlossen ist.

Aber weil der Katholizismus eben sagte Gott UND Mensch bewirken das Heil, musste man sagen ALLEIN Gott, allein die Gnade.

In einer theologischen Diskussion über dieses Thema sagte der lutherische Pietist Graf von Zinzendorf über das katholische Konzept von der Kooperation Gott und Mensch: Das ist der error errorum – der Fehler aller Fehler. Das katholische System der Kooperation, das seinen Ursprung in der griechischen Philosophie und nicht in der Bibel hat, ist also der Kardinalfehler schlechthin – der Hauptfehler, den ein Christ überhaupt machen kann.

6. Gnade und Werke

Aber redet die Bibel nicht davon, dass ein Mensch beides braucht: die Gnade und seine guten Werke? Ja, so ist es auch. Der Mensch benötigt beides und ein Christ befindet sich häufig in einem Spannungsfeld zwischen der Gnade auf der einen Seite und den Forderungen der Bibel nach Heiligung und guten Werken auf der anderen Seite.

Aber hier gibt es einen fundamentalen Unterschied: Beim Römischen Evangelium werden die Werke des Menschen durch das System der Kooperation mit in das Heil eingebracht und nach einem biblisch, reformatorischen Verständnis, sind Heiligung und gute Werke die Frucht und die Bestätigung der Gnade Gottes im Leben eines Menschen. Dies wird auf biblisch-reformatorischer Seite oft unter dem Thema: Souveränität Gottes und Verantwortung des Menschen behandelt. Es geht also um die Frage: Wie kann ein Mensch verantwortlich mit guten Werken handeln und dabei zu 100 % die Gnade Gottes zur Geltung bringen ohne dass diese wie im Römischen Evangelium ausgehebelt wird und der Mensch am Ende bei seinen Werken abgestellt wird.

Nur noch ein Hinweis zu der Ernsthaftigkeit dieser Sache. Sobald es zu einer Kooperation Gott und Mensch kommt, hat man gar kein Evangelium mehr und ein Mensch kann auch nicht mehr gerettet werden. Selbst wenn man sagen würde: Ich habe 99 % Gnade und 1 % Beteiligung des Menschen, hat man kein Evangelium mehr. Denn damit wird die ganze Gnade letztendlich aufgehoben. Man kann also nicht nur ein bisschen Evangelium haben und ein bisschen Beteiligung des Menschen. Entweder hat man das Evangelium ganz, 100 % Gnade, oder man hat gar kein Evangelium mehr.

Genau aus diesem Grund ist es so notwendig, dass man das Problem des Römischen Evangeliums versteht und die biblische Antwort darauf kennt.

Zur weitere Information über den Zusammenhang der Souveränität Gottes und Verantwortung des Menschen auch noch einmal ein älterer Artikel von DER RUF:

https://der-ruf.info/2019/03/08/darf-gott-noch-gott-sein-predigt-und-artikel-dirk-noll/

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