Bibel und Bekenntnis (Artikel Dirk Noll)

Bibel und Bekenntnis

Der nun folgende Artikel wurde u.a. durch eine Predigt von Pfarrer Olaf Latzel angestoßen, welche den gleichen Titel trägt: Bibel und Bekenntnis.

Dieses Video ist DSGVO-konform eingebettet:

Aus meiner Sicht spricht das Thema Bibel und Bekenntnis eine der zentralen Fragen und Probleme der heutigen Christenheit an, denn der Zeitgeist unter den Christen heute offenbart einen anderen Glauben, nämlich Bibel und Individualismus (also mein Glaube, den ich mir selbst zusammengezimmert habe und der mir „gut schmeckt“).

Bibel und Bekenntnis dagegen bedeutet: Bibel und der den Christen ein für allemal überlieferte Glaube, den die Christen über die Jahrhunderte gemeinsam bekannt haben. Also das Gegenteil von einem frommen, christlichen Individualismus (Anm. der moderne Individualismus ist letztendlich ein Kind der humanistischen Aufklärung, der heute sämtliche Familien- Und Gemeinschaftsstrukturen in der Gesellschaft zerstört).

Auf ein solches Statement habe ich schon häufig von Christen, die vom Individualismus beeinflusst sind, die Antwort bekommen: Warum haben die Bekenntnisse der Christen überhaupt eine Bedeutung für unseren Glauben? Warum heißt es Glaube UND Bekenntnis? Genügt es nicht einfach, wenn ein Mensch in der Bibel liest und glaubt?

Wenn dieser Beitrag hier von einem Menschen verfasst worden wäre, der das moderne Christentum vertritt, dann hätte er die Überschrift: Meine Glaubenserfahrung mit Gott – aber nicht Glaube UND Bekenntnis.

Das moderne Christentum entstand durch die sog. moderne Theologie, die ihren wesentlichen Anfangspunkt mit dem liberalen evangelischen Theologen Friedrich Schleiermacher (1768-1834) genommen hat. Schleiermacher definierte den christlichen Glauben als „die frommen Gemütszustände“ in einem religiösen Menschen, und somit geht es beim modernen Christsein nur noch um die Glaubenserfahrung und nicht mehr um formulierte Glaubenssätze, wie wir sie in den Bekenntnissen finden.

Eine ähnliche Entwicklung finden wir im Evangelikalismus ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Man redet hier vom sog. „Neu-Pietismus“, der dadurch gekennzeichnet ist, dass auch er die Glaubenserfahrung in den Mittelpunkt des Christseins stellt und in biblischer Lehre und formulierten Glaubenssätzen keine allzu große Bedeutung mehr sieht.

Warum hatte diese Entwicklung, bei der die Bekenntnisse der Christen heute so gut wie nicht mehr zur Kenntnis genommen werden, so fatale Folgen für das Christentum und die Gemeinde Jesu?

Um es kurz auf den Punkt zu bringen: Jeder, der heute irgendwelche religiösen Erfahrungen macht, kann sich als Christ bezeichnen. Deshalb ist eines der größten Probleme der Christen in Deutschland, dass eine große Verunsicherung darüber herrscht, wer nun Christ ist und wer nicht. Katholiken lesen in der Bibel und machen religiöse Erfahrungen und sehen sich als Christen. Jemand der Mitglied in der Evangelischen Kirche ist und einmal im Jahr an Weihnachten einen Gottesdienst besucht, sieht sich als Christ. Zeugen Jehovas oder Mormonen haben religiöse Erfahrungen und sehen sich als Christen und so weiter und so fort.

In einem bekannten christlichen Werk in Deutschland gab es im Leitungskreis einmal eine Diskussion bei der Aufnahme eines neuen Mitglieds in den Vorstand und dabei entstand die Diskussion, ob diese Person überhaupt Christ sei oder nicht. Man wusste nicht genau, woran man das festmachen sollte, ob jemand Christ ist. Da machte ein Mitglied des Vorstandes den Vorschlag, man solle die Person aufnehmen, da sie ja den Namen „Jesus“ gebraucht.

Wir sehen also, dass heute selbst unter Christen in geistlichen Leitungsfunktionen Unklarheit darüber besteht, wie man Christsein genau definieren soll. Reicht es aus, wenn jemand religiöse Erfahrungen aufzuweisen hat und auch den Namen „Jesus“ in seinem Wortschatz gebraucht? Oder wäre es vielleicht doch besser, wenn wir wieder zu der allgemeinen Praxis der Christen zurückkehren würden, neben der Glaubenserfahrung AUCH das Bekenntnis einer Person mit zu berücksichtigen, wenn wir beurteilen müssen, ob jemand wirklich Christ und ein Teil der Gemeinde Jesu ist?

Geht man nach der Bibel, dann haben dort von Anfang an Glaube UND Bekenntnis zusammengehört, um das Christsein eines Menschen zu definieren: „Denn mit dem Herzen glaubt man, um gerecht zu werden, und mit dem Mund bekennt man, um gerettet zu werden“ (Röm 10,9).

Das Bekenntnis, die biblische Lehre, ist also für den Glauben zwingend notwendig, was wir auch schon an dem Beispiel der ersten Christen in der Urgemeinde in Jerusalem sehen, denn von ihnen heißt es: „Und sie blieben beständig in der Lehre der Apostel“ (Apg 2,42). Dem angehenden Gemeindeleiter Timotheus gibt der Apostel Paulus als wichtigsten Rat mit auf seinen Weg: „Habe acht auf dich selbst und auf die Lehre“ (1.Tim 4,16). Er soll also nicht nur auf sein gelebtes Christsein und seine Glaubenserfahrungen Acht haben, sondern auch auf die Lehre.

Wir sehen also sehr deutlich im Neuen Testament, dass Glaubensleben UND die Lehre (Bekenntnis) untrennbar miteinander verbunden sind. Während der moderne Christ häufig nur von seiner Glaubenserfahrung redet, so haben die Christen von Anfang an immer von Glaube UND Bekenntnis gesprochen.

Das sehen wir vor allem auch daran, dass es von Anfang an Bekenntnisse gab, die Christen ablegen mussten. Wir wissen aus der frühesten Zeit der Christen, dass sie z.B. bei ihrer Taufe ein Bekenntnis ablegen mussten, mit welchem sie zeigen mussten, dass sie den INHALT des christlichen Glaubens kannten und diesem auch zustimmten. Diese Bekenntnisse fingen an mit der sog. Glaubensregel (regula fides), die dann erweitert wurde und in dem uns bekannten Apostolicum (Apostolischen Glaubensbekenntnis) überliefert ist.

Halten wir noch einmal fest: Um jemanden als Christen zu definieren, musste er ein Bekenntnis über den INHALT des christlichen Glaubens ablegen und diesem auch öffentlich zustimmen. Er musste also gewisse Glaubenssätze kennen und diesen Zustimmen, um als „echter Christ“ erkannt werden zu können. Dies wurde mit zunehmender Zeit auch notwendig, weil immer mehr Irrlehren in den Umlauf kamen, z.B. die Behauptung, Jesus wäre nicht Gott. Und so ging es dann weiter und es wurde 325 n.Chr. das sog. Nizänische Glaubensbekenntnis aufgestellt, mit dem die Gottheit Jesu bekannt wurde.

Danach ging die Christenheit in das Mittelalter und es kamen immer mehr Irrtümer über den Glauben in den Umlauf und diese wurden dann mit biblischer Lehre vermischt bis wir in der Reformationszeit landen. Hier wurde nun in der Kirche gelehrt, dass man hauptsächlich durch gute Werke Christ sein kann, sogar ohne Glauben an Gott. Der Höhepunkt dieser Fehlentwicklung und der Abkehr von einem biblischen Christentum war dann der Ablass durch den Mönch Johann Tetzel, von dem der Spruch bekannt ist: „Wenn die Münze im Kasten klingt, die Seele in den Himmelspringt“. Hier wurde dem Menschen nun eine Möglichkeit angeboten, dass man sich sein Seelenheil bei Gott erkaufen konnte. Wenn man Geld zahlte, bekam man einen Ablassbrief und die Sünden waren vergeben. Und an dieser Stelle war das Herz des christlichen Glaubens verworfen, nämlich, dass die Vergebung der Sünden durch Jesus Christus am Kreuz geschehen ist und man durch den persönlichen Glauben Anteil an diesem Heil hat.

Hier kam nun die Reformation ins Spiel. Es war notwendig geworden, diese Irrtümer beim Namen zu nennen und zu verwerfen, denn bei Gott, welcher der Schöpfer aller Dinge ist und dem alles im Himmel und auf Erden gehört, kann man sich nichts für Geld erkaufen. Es musste auch wieder neu herausgestellt werden, was eigentlich das biblische Evangelium und christlicher Glaube nach biblischer Definition ist.

Die Schlüsselrolle zur Reformation kam Dr. Martin Luther zu. Doch unter dem Einfluss seiner Schriften gab es im deutschsprachigen Raum noch zahlreiche andere Reformatoren. Einer dieser Reformatoren war Zacharias Ursinus, ein Theologe an der Universität Heidelberg, der im Auftrag des Kurfürsten die Vorlage für den späteren Heidelberger Katechismus schrieb. Der sog. „Heidelberger“ ist wohl die bedeutendsten Bekenntnisschrift der weltweiten Evangelisch-Reformierten Kirchen. In besonderer Weise wird darin das Evangelium aus der Heiligen Schrift erklärt und die Erlösung und Errettung durch Jesus Christus in den Mittelpunkt gestellt.

Von den Vertretern des modernen Christentums, welche häufig das „Bekenntnis“ scharf kritisieren, wird meistens unterstellt, dass es sich dabei nur um „tote Buchstaben“ handeln würden, die mit einem gelebten praktischen Christsein nichts zu tun hätten.

Doch liest man z.B. das Bekenntnis des Heidelberger Katechismus, dann ist genau das Gegenteil der Fall: Er ist in erster Linie ein Trostbuch. Er will mit dem biblischen Evangelium den verlorenen Menschen und Sünder trösten, indem er ihm das Kreuz und das Heil in Jesus Christus vor Augen stellt. Und so beginnt schon die 1. Frage im Heidelberger mit den Worten: Was ist dein einziger Trost im Leben und Sterben? Und somit wird allein schon durch die Fragestellung der Blick des Menschen auf Jesus Christus und das Kreuz gerichtet, worin er allein seine Seligkeit und seinen Trost findet.

Dieses Heil in Christus, was die Reformatoren in ihren Bekenntnisschriften, wieder ganz neu vor den Menschen ihrer Zeit zum Leuchten gebracht hatten, wurde nun von einem evangelischen Theologen namens Jakob Arminius in Holland in Frage gestellt. Durch den Einfluss der reformhumanistischen Bewegung seiner Zeit, der Arminius angehörte, widersprach er dem Evangelium der Reformatoren „allein aus Gnade“ und führte wieder ein Evangelium ein, das unter dem Strich identisch mit dem Evangelium der Römischen Kirche des Mittelalters ist und eine Erlösung des Menschen aus Werken lehrt. Die Anhänger von Jakob Arminius verfassten dann eine Schrift, die Remonstranz (lat. remonstrare = zurückweisen) genannt wurde. Diese Schrift besteht aus 5 Artikeln, mit denen sie die Gnadenlehre der Reformation zurückgewiesen hat, daher Remonstranz und die Anhänger dieser Schrift wurden dann „Remonstranten“ genannt.

Dieser Schrift der Remonstranten haben dann die Niederländischen Kirchen im Jahr 1619 auf der Synode von Dordrecht mit einer Gegenschrift geantwortet, die ebenfalls aus 5 Artikeln besteht, die sog. Dordrechter Lehrregel. Diese ist auch heute noch von besonderer Bedeutung, weil sie sich mit einer humanistischen Unterwanderung des Evangeliums auseinandersetzt, was man heute auch fast 1 zu 1 auf das moderne Evangelium anwenden kann, das ebenfalls im Humanismus der Aufklärung seine Wurzeln hat. Die Dordrechter Lehrregel ist dann in ein weiteres wichtiges Bekenntnis der Reformation eingegangen, das Westminster-Bekenntnis.

Lieber Leser, vielleicht haben Sie nun erkannt, dass das Bekenntnis des Christen, mit dem er seinen Glauben und seine Lehre bekennt, von wichtiger Bedeutung ist, um ihn überhaupt als Christen zu erkennen und fragen sich: Welche sind denn die Bekenntnisse der Christen, in denen der allgemeine christliche Glaube formuliert wurde und der auch von den Christen allgemein akzeptiert wurde?

Deshalb hier ein kurzer Überblick über die wesentliche Bekenntnisse der Christen mit einem Link, wo man den Text des jeweiligen Bekenntnisses nachlesen kann:

1. Die altkirchlichen Bekenntnisse (sie formulieren und verteidigen die biblische Dreieinigkeit Gottes):

http://www.reformatio.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/08/Altkirchliche_Bekenntnisse.pdf

2. Die reformatorischen Bekenntnisse (sie verteidigen die biblische Gnadenlehre und verwerfen die katholischen Sonderlehren des Mittelalters):

3. Neuere Bekenntnisse des 20. Jahrhunderts

Die Berliner Erklärung 1909 (setzt sich mit der Pfingstbewegung auseinander)
http://www.reformatio.de/wordpress/wp-content/uploads/2010/08/Berliner_Erklaerung.pdf

Die Chicago Erklärung 1978 (setzt sich mit der Bibelkritik und modernen Theologie auseinander)
http://www.reformatio.de/wordpress/wp-content/uploads/2013/09/Chicago-Erklaerung.pdf

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