Warum leiden viele Christen unter geistlicher Schwäche? (Dirk Noll)

Warum leiden viele Christen unter geistlicher Schwäche?

Heute möchte ich mich mit der Frage beschäftigen, warum eine große Zahl von Christen in geistlichen Dingen so schwach ist? Wenn man sich in vielen Gemeinden heute umschaut und sieht, wie viel Versagen es im geistlichen Bereich unter den Christen gibt, dann kann einem das gleiche Gefühl überkommen, das Jesus überkam, als er sein Volk Israel besuchte: „Und als er das Volk sah, jammerte es ihn“ (Mt 9,36).

Dieser Artikel ist über die Osterfeiertage entstanden, in denen den meisten Christen die Auferstehung Jesu in besonderer Weise vor Augen steht. Die Bibel sagt, dass die gleiche Kraft, die Jesus von den Toten auferweckt hat, auch in den Gläubigen wohnt: „Wenn aber der Geist dessen, der Jesus aus den Toten auferweckt hat, in euch wohnt“ (Röm 8,11).

Aufgrund dieser Tatsache, dass der Geist, der Jesus von den Toten auferweckt hat, nun in den Gläubigen wohnt, fordert Paulus die Christen immer wieder auf, dass sie geistlich stark sein sollen: „Im Übrigen, meine Brüder, seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke“ (Eph 6,10).

Die Christen sollen also geistlich stark sein, aber in der Realität sind viele Christen geistlich schwach. Deshalb stellt sich die Frage, woran dies liegt und ob das ein Normalzustand ist?

Die Antwort schon vorweg: Die geistliche Schwäche eines großen Teiles der Christen ist kein Normalzustand.

  1. Die Bibel vergleicht den geistlichen Zustand mit dem körperlichen Zustand

Um eine Antwort auf die geistliche Schwäche vieler Christen zu finden, wollen wir uns der Frage mit einem Bild bzw. einem Vergleich nähern, den die Bibel gebraucht. Sie vergleicht geistliche Stärke mit körperlicher Stärke.

Als Teenager hatte ich eine Phase, in der ich einfach vergessen hatte, regelmäßig zu essen und auch viel zu wenig Flüssigkeit zu mir genommen hatte. Mit Letzterem habe ich heute noch Probleme und muss mir jeden Tag schon morgens zwei Flaschen Mineralwasser hinstellen. Das hatte zur Folge, dass ich mit 18 Jahren bei einem Gewicht von 50 kg gelandet war bei einer Körpergröße von 1,85 m. Ich litt also unter einer Unterernährung und hatte das noch nicht mal bewusst wahrgenommen, bis mich verschiedene Leute darauf angesprochen hatten.

Was ist also bei körperlicher Schwachheit durch Unterernährung zu tun?

Als mir das Problem bewusst wurde, begann ich mehr zu Essen und landete nach kurzer Zeit bei 60 kg und nach ein paar Monaten bei 70 kg. Das Problem der Unterernährung und die damit einhergehende körperliche Schwäche war behoben.

  1. Biblische Bilder für den geistlichen Zustand aus dem Bereich des Körperlichen

Wie eine körperliche Schwachheit und Unterernährung behoben wird, so wird auch die geistliche Schwachheit behoben: durch entsprechende geistliche Speise und Ernährung.

Der Körper wird erhalten und gestärkt durch Essen und Trinken. So kann und soll auch das geistliche Leben gestärkt und erhalten werden durch geistliche Speise, durch geistliches „Essen und Trinken“.

Für geistliches „Essen“ gebraucht die Bibel das Bild von dem Brot. An diesem Punkt musste ich sofort an die Worte unseres Herrn denken, als er sagt, dass er das Brot des Lebens ist: „Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten“ (Joh 6,35).

Wir sehen hier, dass Jesus die leibliche Speise mit der geistlichen Speise vergleicht. Jesus ist das Brot des Lebens. Von jedem Brot, das man in seinem Leib aufnimmt, bekommt man wieder Hunger. Doch wer von der geistlichen Speise ist, den wird nie wieder hungern.

Was Jesus über das Essen sagt, das sagt er auch über das Trinken. Wenn es um das „geistliche Trinken“ geht, da musste ich sofort an die Frau am Jakobsbrunnen in Johannes 4 denken. Dort schöpft eine Frau Wasser, um den leiblichen Durst zu löschen, und Jesus sagt ihr, dass es auch ein „ewiges Wasser“ gibt, um den geistlichen Durst zu löschen:

„Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt“ (Joh 4,13.14).

Aus diesen beiden Bibelstellen wird sehr einfach und klar deutlich, dass wir nicht nur unseren Körper nähren müssen mit Brot und Wasser, sondern auch unser geistliches Leben nähren und erhalten müssen durch geistliches Brot und Wasser.

Liebe Geschwister, Ihr vermutet jetzt an dieser Stelle schon, woran es liegt, dass viele Christen geistlich so schwach sind: Sie haben sich geistlich nicht ausreichend ernährt.

Es ist aus o.g. Bibelversen auch sehr leicht ersichtlich, was die gute geistliche Nahrung ist. Es ist Jesus Christus selbst, in seiner Person, denn er sagt: ICH bin das Brot des Lebens.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Da Jesus im Himmel ist, wie kann er nun zu mir kommen und wie kann ich mich von ihm geistlich nähren, damit ich geistlich stark werde?

  1. Jesus stärkt mich geistlich in leiblicher Gestalt

Vielleicht muss bei dieser Aussage jetzt erst einmal der eine oder andere den Atem anhalten. Jesus ist seit der Himmelfahrt (Lk 24) mit seinem geistlichen Auferstehungsleib im Himmel und er soll in leiblicher Gestalt zu mir kommen, um mich geistlich zu nähren und zu stärken?

Ja, genau so ist es.

Jesus ist zwar im Himmel, aber er ist immer noch in leiblicher Gestalt auf der Erde und zwar in Form des Wortes Gottes, also in Form der Bibel. Aus Johannes 1 wissen wir, dass Jesus das Wort Gottes ist: „Am Anfang war das Wort… und das Wort wurde Fleisch“ (Joh, 1,1.14). In der Bibel wird immer wieder deutlich: Wenn wir das Wort Gottes in uns aufnehmen, dann nehmen wir Jesus in uns auf.

Ein Beispiel dafür ist u.a. Hebräer 5,11.12: „Und ihr, die ihr längst Lehrer sein solltet, habt es wieder nötig, dass man euch die Anfangsgründe der göttlichen Worte lehre und dass man euch Milch gebe und nicht feste Speise. Denn wem man noch Milch geben muss, der ist unerfahren in dem Wort der Gerechtigkeit, denn er ist ein kleines Kind“.

Auch hier haben wir wieder den Zusammenhang und das Bild: körperliche Ernährung ist gleich geistliche Ernährung. Im Zusammenhang geht es um neu-bekehrte Christen. Wie kleine Kinder mit Milch ernährt werden, so müssen auch Christen, die noch jung im Glauben sind, mit „geistlicher Milch“ ernährt werden. Und worin besteht hier die geistliche Nahrung? Es ist „das Wort der Gerechtigkeit“, also das Wort Gottes.

Und das Wort Gottes ist kein reiner Geist, sondern hier haben wir Christus in leiblicher Gestalt. Denn die Bibel ist in ganz irdischer (leiblicher) Form, nämlich in einer irdischen Sprache, auf Papier und in einem Buch, das wir mit unseren Händen anfassen können und einem gedruckten Text, den wir mit unseren Augen sehen und lesen können und in Worten, die wir mit unserem Verstand verarbeiten können.

Ich fasse schon einmal zusammen: Damit wir geistlich stark werden, müssen wir uns mit geistlicher Speise ernähren. Die geistliche Speise ist Christus selbst in seiner Person. Wir nehmen Christus zu uns und in uns auf in leiblicher Gestalt durch sein Wort – das Wort Gottes.

  1. Das Wort Gottes als Gnadenmittel

Die bereits erklärten Zusammenhänge sind unter den Christen seit je her bekannt und wurden in besonderer Weise wieder in der Reformation betont. Denn in dieser Zeit hat es eine Verschiebung gegeben von dem Wort Gottes weg zum Sakramentalismus. Kurz gesagt: Während die Römische Kirche der damaligen Zeit gelehrt und betont hat, dass Christus auf sakramentalistische Weise zum Menschen kommen würde, um ihn geistlich zu ernähren, hat die Reformation betont, dass Christus…

durch das Wort und durch den persönlichen Glauben zu dem Menschen kommt und der Mensch sich damit geistlich nährt und sein geistliches Leben erhält und bewahrt.

Nach der Reformation, und was biblisch abgedeckt ist, wie oben aus der Bibel aufgezeigt, ist das Wort Gottes das Gnadenmittel, in dem ein Mensch Christus in leiblicher Gestalt (eben in Form der Bibel) empfängt. Und das Empfangen von Christus und Christus in sich aufnehmen geschieht dann eben nicht durch das Essen der Hostie, sondern durch den Glauben an das Wort.

Aus diesem Grund stand in der Reformation dann auch der Glaube im Mittelpunkt, und es kam zu dem Schlagwort: sola fide – allein der Glaube.

  1. Die fünf Gnadenmittel

Da Christus also nun durch das Wort zum Menschen kommt – durch das Wort vermittelt wird – und das durch den Glauben, hat man sich nun gefragt, an welchen Punkten hat ein Christ das Wort Gottes, und man kam in der Reformation hier zu fünf Punkten oder Stellen:

  1. Das Lesen der Bibel
  2. Das persönliche Gebet
  3. Der öffentliche Gottesdienst
  4. Das Abendmahl
  5. Das Ruhen am Tag des Herrn

Diese fünf Punkte, wo wir Christus im Wort haben, gründen sich auf die Praxis der Urgemeinde, wie man in Apostelgeschichte 2,42 nachlesen kann: „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet“.

Warum sind also viele Christen geistlich so schwach?

Vielleicht stellst du bei dir selbst fest, dass auch du eben nicht stark im Herrn bist, wie Paulus dies von allen Christen fordert, sondern du merkst, ich bin in geistlichen Dingen noch viel zu schwach.

Dann liegt dies einfach gesagt daran, dass du in geistlichen Dingen dich nicht ausreichend ernährt hast. An o.g. fünf Punkten oder Gnadenmitteln, wo dir Christus im Wort begegnet, kannst du selbst prüfen, woran es liegt.

Habe ich mich ausreichend geistlich durch das Lesen der Bibel ernährt? Wie sieht es mit meinem persönlichen Gebetsleben aus? Wie intensiv habe ich hier Gemeinschaft mit Christus? Wie sieht es mit meinem öffentlichen Gottesdienstbesuch aus, wo ich Christus in der Predigt habe? Wie sieht es mit dem Abendmahl aus? Auch hier haben wir Christus im Gedächtnis an seinen Tod. Und schließlich, wie sieht es mit dem Ruhen am Tag des Herrn aus, an dem ich von meiner Arbeit Ruhe und Zeit habe, über Christus und meinen geistliche Stand nachzudenken?

Bin ich in geistlichen Dinge schwächer, als ich sein sollte, dann muss ich mich wieder ganz neu geistlich ernähren und zwar konkret mit den genannten Gnadenmitteln, in denen mir Christus begegnet und ich mich von Christus als dem Brot des Lebens und dem Wasser des Lebens ernähren kann. Das Entscheidende dabei ist jedoch der Glaube. Ich darf Christus nicht in mechanistischer Weise empfangen, wie das u.a. im römischen Sakramentalismus geschieht, sondern…

ich muss das Wort im Glauben gebrauchen und auf mich anwenden.

Ps. Ich habe noch eine Buchempfehlung, wo auch der Zusammenhang von geistlicher Kraft und der richtigen Anwendung der Gnadenmittel im Glauben gezeigt wird:

https://www.cbuch.de/ryle-mit-gott-auf-dem-weg.html

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