Gesetz und Evangelium (Dirk Noll)

Gesetz und Evangelium

„Die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium ist die größte Kunst in der Christenheit“ (Martin Luther – Predigten 1532 / WA 36,9).

Wir wollen in diesem etwas längeren Artikel betrachten, dass uns die Bibel in einer zweifachen Weise begegnet: im Gesetz und Evangelium.

Martin Luther nennt diese Unterscheidung von Gesetz und Evangelium die „größte Kunst in der Christenheit“. Ich möchte deshalb dazu auffordern, dass wir Gesetz und Evangelium unterscheiden und beides in unserem Glauben anwenden.

Wenn man die Bibel liest, merkt man schnell, dass die Schrift unterschiedlich redet. Sie redet zum einen vom Gesetz, was der Mensch tun soll: Du sollst nicht töten oder du sollst nicht die Ehe brechen. Die Bibel redet aber auch vom Evangelium. Sie redet davon, was Gott getan hat. Christus ist für die Sünden seiner Kinder gestorben. Jesus hat am Kreuz für die Sünde gesühnt. Jesus rettet vom Tod und gibt ewiges Leben.

Ich möchte das mal in einer einfachen Form anwenden: Hast du schon mal eines der 10 Gebote übertreten? Hast du schon mal gelogen? Hattest du schon mal schlechte Gedanken über einen anderen Menschen? Dann bist du des Todes schuldig und für immer verloren. Jesus drückt es in der Bergpredigt so aus: „Wenn du zu deinem Bruder sagst: Du Narr, dann bist du des höllischen Feuers schuldig“.

Wenn jemand sagt, dass ist aber ganz schön hart, dann gebe ich ihm recht. Aber so redet das Gesetz in der Bibel. Ich kann mich noch daran erinnern als mir vor fast 30 Jahren ein Christ zum ersten Mal das Gesetz in der Bibel gezeigt hat. Ich habe darauf geantwortet: Dann sind alle Menschen Sünder und dann sind alle verloren.

Und so ist es auch. So sagt es die Bibel: „Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer…“ (Röm 3,12).

Und: „Der Lohn für die Sünde ist der Tod…“ (Röm 6,23).

Diese Diagnose stellt die Bibel jedem Menschen. Die Diagnose lautet: Du bist Sünder, stehst unter der Macht des ewigen Todes und bist verloren. Wenn man jetzt an dieser Stelle nichts mehr sagen würde, dann würde das für den Menschen die totale Katastrophe bedeuten.

Aber die Bibel redet noch weiter. Sie redet nicht nur vom Gesetzt, sondern auch vom Evangelium. Denn wie geht der Vers in Römer 6,23 weiter?

„Der Lohn für die Sünde ist der Tod (wie geht es weiter?) … die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn“.

Unsere Todesstrafe wird durch den Tod Jesu am Kreuz wieder aufgehoben, wenn wir glauben, Buße tun und uns bekehren.

Wir sehen, wir können das Gesetz nicht ohne das Evangelium verkündigen. Und wir können auch kein Evangelium verkündigen ohne das Gesetz.

Es wird sich niemand einer Behandlung oder Operation unterziehen, wenn er nicht vorher die Diagnose bekommen hat, dass er krank ist. Diese Aufgabe hat das Gesetz. Es macht aber nicht nur die Diagnose, dass wir irgendwie krank sind, noch schlimmer, wir sind Todeskandidaten und sind verloren. In dieser fatalen Lage sagt uns dann das Evangelium: Heil und Rettung finden wir durch den Glauben an Jesus Christus.

Ich habe versucht, in einfachster Weise zu unterscheiden zwischen Gesetz und Evangelium. Luther nennt es die höchste Kunst für einen Christen, weil es in der Praxis nicht immer einfach ist, beides auseinanderzuhalten und anzuwenden. Das soll die Aufgabe dieses Artikels sein, uns Hilfe zu geben bei der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium.

Wir stehen hier oft auch vor einer Auseinandersetzung, weil in der Christenheit immer wieder Leute auftauchen, die eines weglassen wollen. Manche wollen Evangelium verkünden aber kein Gesetz. Man nennt diese Leute  Antinomer („nomos“ ist das Gesetzt und „anti“ ist dagegen). Das sind also Leute, die sagen, dass es nicht nötig ist, das Gesetz zu verkündigen.

Aktuell gibt es hier sehr einflussreiche Strömungen in der Emerging Church Bewegung, z.B. Rob Bell mit dem Buch: Das letzte Wort hat die Liebe. Darin wird nur von der Liebe Gottes geredet, aber nicht von einem Gott, der Sünde bestraft. Am Ende werden dann alle durch die Liebe Gottes gerettet. Die Botschaft dieses Buches ist die Allversöhnung.

Die Verkündigung von Evangelium ohne Gesetz ist aber eigentlich keine neue Sache. Diese Leute gab es schon immer und sie werden in der Endzeit sogar noch verstärkt auftreten. Jesus sagt in der Endzeitrede: „Und weil die Ungerechtigkeit (Gesetzlosigkeit) überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten“ (Mt 24, 12).

Heute werden oft Brüder, die die Gebote Gottes in der Gemeinde aufrichten, als hart und lieblos bezeichnet. Doch Jesus sagt, dass es genau umgekehrt ist. Wenn man von Gottes Geboten abrückt, werden die Geschwister in der Liebe erkalten. Wo Gottes Gebote aber zur Geltung gebracht werden, da wird auch die Liebe Christi aufgerichtet.

Wir sehen, dass antinomisches Denken heute bereits viel Einfluss auf die Gemeinden genommen hat. Darum ist es auch an der Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Beginnen wir mit einem Beispiel aus der Reforamtion zum Einstieg.

  1. Der Streit um den Antinomismus des Johann Agricola

Wie Salomo einmal sagte, gibt es nichts neues unter der Sonne. So sind auch die meisten Irrtümer, die wir heute haben, schon einmal in der Kirchengeschichte aufgetreten. In der Regel sind dann Christen dagegen aufgestanden, um die biblische Wahrheit zu verteidigen. Wir können davon in der Regel lernen, welche Bibelstellen und Argumente sie gegen den Irrtum verwendet haben.
Gehen wir nun knapp 500 Jahre in der Geschichte zurück in das Städtchen Eisleben. Dort trat im Jahr 1537 ein Mann auf mit Namen Johannes Agricola. Er stellte die Behauptung auf, dass den Christen nicht das Gesetz zu predigen sei, sondern nur das Evangelium. Buße und Reue würden nicht durch das Gesetzt gewirkt, sondern allein durch das Evangelium.

Martin Luther sah darin eine grobe Missachtung der Lehre der Schrift, und so kam es zu mehreren Disputationen mit den Antinomern. 1539 verfasste Luther die Schrift „Wider die Antinomer“. Luther schreibt darin, dass die Sünde durch das Gesetzt entlarvt wird. Das Gesetzt bewirkt den Schmerz über die Sünde und führt so zu Reue und Buße. Daher muss das Gesetz verkündigt werden.

Antinomer verwerfen das Gesetz. Sie predigen nur das Evangelium. Eine genaue Untersuchung der Schrift zeigt jedoch, dass das Evangelium immer in Verbindung mit dem Gesetz verkündigt werden muss. Denn bevor ein Mensch von Gott zubereitet ist, die Vergebung seiner Sünden und die Rettung in Christus anzunehmen, muss er von seiner Sünde überführt werden. Er muss erkennen, dass er Gottes heilige Gebote übertreten hat und gegenüber Gott schuldig geworden ist.

Denken wir an den Pharsäer und Zöllner im Neuen Testament, die beide in den Tempel gehen, um zu beten. Der Zöllner betet: Herr, sei mir dem Sünder gnädig. Durch das Gesetz wurde der Zöllner dahin geführt, dass er sich vor Gott als ein Sünder erkennt und seiner Gnade bedarf. Das Gesetz hat sein Herz in Reue über seine Sünde geführt und zu einem Verlangen, sich von der Sünde abzuwenden und sich Gott zuzuwenden. Durch das Gesetz wurde er zur Buße geführt. Das Gesetz hat ihm gezeigt, dass die Sünde so schwerwiegend ist, dass sie zum Tod führt.

Beispiele dafür gibt es in der Bibel genug. Denken wir an Hannanias und Saphira. Als sie Petrus wegen ihres verkauften Ackers angelogen haben, sind beide auf der Stelle gestorben. Die Sünde führt zum Tod.

Bevor nun jemand bereit ist, zu Jesus zu kommen und zu glauben, muss er erst zur Erkenntnis der Sünde und seiner Verlorenheit kommen. Diese Erkenntnis wird durch das Gesetz bewirkt, und deshalb muss das Gesetz auch verkündigt werden. Die Bibel sagt diese geistliche Wahrheit ganz unmissverständlich: „Denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde“ (Röm 3, 20).

Das Gesetz bereitet also den Boden für das Evangelium. Durch das Gesetz führt Gott den Menschen dahin, dass er bereit wird, Christus anzunehmen. Mit allgemeinen Worten gesagt: Bevor jemand zum Arzt geht und sich behandeln lässt, benötigt er erst die Diagnose, dass er krank ist.

Jesus hat gesagt: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten.“ (Lk 5, 31.32)

Das Gesetz muss verkündet werden, und es muss dann auch richtig angewendet werden. Das ist unser 2. Punkt:

  1. Die biblische Anwendung des Gesetzes

Wir haben von der Bibel gesehen, dass das Gesetz verkündet und angewendet werden muss. Nun wollen wir sehen, wie es angewendet werden soll.

Die Reformatoren haben in der Bibel eine doppelte Anwendung des Gesetzes gesehen und herausgearbeitet:

Die erste Anwendung des Gesetzes ist der bürgerliche Gebrauch (heute auch allgemein als Riegel abgekürzt).

Die zweite Anwendung des Gesetzes ist der geistlicher Gebrauch (heute auch allgemein als Spiegel abgekürzt).

Wie wird das Gesetz in der Bibel angewendet? Beginnen wir zunächst mit dem bürgerlichen Gebrauch; das Gesetz als Riegel. Wir wollen sehen, warum das Gesetz der Sünde einen Riegel vorschieben soll, damit die Sünde in bestimmten Schranken gehalten wird, und es so nicht zu einer völligen Ausrottung der Menschheit kommt.

Die Bibel zeigt uns als erstes, wo die Sünde überhaupt herkommt, wie sie entstanden ist. Der Ursprung der Sünde liegt im Herzen Luzifers. Er war ein schöner von Gott geschaffener Engel. Wie der Name Luzifer sagt, ist er der Engel des Lichts. In Jesaja 14,14 lesen wir vom Anfang der Sünde. Luzifer war mit den anderen Engeln im Himmel bei Gott, und dann sagte er plötzlich folgendes:

„Ich will auffahren über die hohen Wolken und gleich sein dem Allerhöchsten“.

Das ist der Anfang der Sünde. Als Engel war Luzifer dazu geschaffen, Gott anzubeten und ihm zu dienen. Und nun wollte er Gott gleich sein: „ich will … gleich sein dem Allerhöchsten“.

Die Sünde blieb aber nicht auf sein Herz beschränkt. Die Sünde hat die Eigenschaft, dass sie sich schnell ausbreitet. Luzifer, der Engel des Lichts, führte ein drittel der Engel in die Rebellion gegen Gott und wurde zum Satan, d.h. Widersacher.

Offenbarung 12,4: „Und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde“. In Vers 9 wird dann erklärt, dass der dritte Teil der Sterne des Himmels Engel sind: „Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die das heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt, und er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen“.

Das war der Sündenfall im Himmel. Der dritte Teil der Engel unter der Leitung Satans wollte sein wie Gott. Die Sünde blieb aber nicht auf den Himmel beschränkt. Sie hat Eingang bei den Menschen auf der Erde gefunden durch Adam und Eva.

Ausführlich berichtet davon 1.Mose 3. Auch hier war es wieder das gleich Prinzip. Es ging darum, so wie Gott sein zu wollen. Der Satan sagte Eva, wenn sie von der Frucht essen werde, dann werden eure Augen aufgetan „und ihr werdet sein wie Gott“ (1.Mose 3,5).

Das war jedoch eine Lüge. Was war die Folge? Mit der Sünde kam auch der Tod in die Welt. Adam und Eva wurden sterblich. Kurz darauf geschah der erste Mord auf der Erde. Kain erschlug seinen Bruder Abel. Die Sünde breitete sich so schnell aus, dass Gott die ganze damalige Welt durch die Sintflut vernichten musste.

Daraus können wir folgendes schließen: Wenn Gott der Sünde auf der Erde freien Lauf lassen würde, dann würde die Bosheit der Menschen auf Erden so groß werden, sodass es zu einer völligen Ausrottung der menschlichen Rasse kommen würde. Das verhindert Gott dadurch, dass er das Gesetz gegeben hat.

Die Bibel sagt, das Gesetz ist uns durch unser Gewissen gegeben (Römer 2). Durch das Gewissen kennen alle Menschen die Gebote Gottes und wissen, dass Töten, Lügen, Stehlen, Ehebrechen böse ist.

Dann hat Gott auf der Erde Regierungen eingesetzt, die in einem gewissen Rahmen Gottes Gesetz durchsetzen. Das können wir in Römer 13 lesen. Selbst wenn eine Regierung korrupt ist, wird immer noch in einem gewissen Rahmen Gottes Gesetz durchgesetzt. Selbst bei einer schlechten Regierung werden Mörder und Diebe von der Polizei gesucht, verhaftet, vor ein Gericht gebracht und dann bestraft.

In diesem Fall ist die Regierung (und das gilt auch für eine schlechte Regierung) Gottes Dienerin. Römer 13,4: „Denn sie (die Regierung) ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut.“ Aus diesem Grund sollen wir auch jeder Art von Regierung untertan sein, schreibt Paulus.

Ich fasse zusammen: Das Gesetz ist allen Menschen auf der Erde gegeben; einmal durch das Gewissen und dann in einem gewissen Rahmen durch die Gesetze der Regierung wird der Sünde ein Riegel vorgeschoben. Die Sünde wird dadurch zwar nicht aus der Welt geschafft, aber sie wird so weit in Schranken gehalten, dass wir hier auf der Erde leben können ohne dass die Menschheit sich in kurzer Zeit selbst vernichtet.

Den Christen ist das Gesetz natürlich auch noch durch die Bibel gegeben. Wir können es in den 10 Geboten lesen. Auch hier wirkt es bei Christen wie ein Riegel und weist die Sünde in gewisse Schranken. Ein Beispiel für diese Wirkung lesen wir in Psalm 119, 11: „Ich behalte dein Wort (steht hier im Zusammenhang für das Gesetz) in meinem Herzen, damit ich nicht wider dich sündige“.

Das Gesetz hat die Wirkung, dass es einen Gläubigen von der Sünde abhalten kann. Durch das Gesetz wird eine bürgerliche Ordnung aufrecht erhalten, die den Menschen Raum gibt, dass sie trotz der Sünde auf Erden überleben können.

Welche Bedeutung hat nun das Gesetz in Bezug auf Gott? Hier wirkt es wie ein Spiegel. In Bezug auf Gott hat das Gesetz nicht die Aufgabe uns zu guten Werken zu führen, die Gott anerkennt, und durch die wir vor Gott gerecht werden könnten.

Das Gesetz ist wie ein Spiegel. Es hält uns vor Augen, wie wir vor Gottes Angesicht dastehen, nämlich als Sünder. Wenn das Gesetz bei uns diese Wirkung erreicht hat, dann fragen wir nach Rettung. Wir fragen uns: Wie kann ich die Sünde wieder loswerden?

Dieses Suchen und Fragen nach Hilfe soll uns dann zu Jesus führen. In Jesus Christus finden wir Vergebung für unsere Sünden. Warum? Weil er die Sünde am Kreuz getragen hat und für sie bezahlt hat.

Wenn das Gesetz als Spiegel angewendet wird, soll es uns letztlich zu Jesus hinführen, damit wir im Glauben zu ihm kommen und gerettet werden:

„So ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus  hin, damit wir durch den Glauben gerecht werden“ (Gal 3,24).

Das Gesetz führt uns zu Christus hin. Nun wollen wie sehen, wie und warum das Gesetz von Christen regelmäßig, sprich täglich angewendet werden soll.

  1. Die täglich Anwendung von Gesetz und Evangelium führt zur Heiligung

 Die Bibel sagt, dass wahre Christen, die vom Herrn zum  Glauben gerufen worden sind und gerettet wurden, in der Heiligung leben sollen. Das bedeutet nichts anderes, als jeden Tag im Glauben zu leben.

Heiligung bedeutet nicht, dass ich täglich frommer und heiliger werde, sondern dass ich jeden Tag Gesetz und Evangelium in meinem Leben anwende.

Martin Luther hat in Wittenberg an der Schlosskirche die 95 Thesen angeschlagen. Die erste These lautet:

  1. Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht „Tut Buße“ (Mt 4,17), hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.

Ein Leben in der Heiligung bedeutet, in der täglichen Buße leben. Wir haben gesehen, dass Buße und Reue durch das Gesetz gewirkt wird. Ein Christ soll ich also täglich das Gesetz vor Augen halten, wie als wenn er in einen Spiegel schaut.

Die meisten Menschen betrachten sich jeden Tag im Spiegel. So weiß man, wie man aussieht. Wenn wir jeden Tag in das Gesetz als Spiegel blicken, sehen wir, wie wir vor Gott dastehen. Durch das Gesetz betrachten wir uns im Lichte und Angesicht Gottes. Was sehen wir im Gesetz als Spiegel? Wir sind verlorene Sünder.

Das ist äußerst deprimierend. Deshalb müssen wir auch gleichzeitig jeden Tag das Evangelium anwenden. Im Heidelberger Katechismus wird uns gesagt, dass wir durch das Evangelium getröstet werden über den Zustand des Sünder seins. In der 1. Frage des Heidelbergers wird gesagt, dass das Evangelium unser „einziger Trost im Leben und Sterben ist“.

Durch das Gesetz halten wir uns täglich unseren wahren Zustand vor Augen: In unseren Herzen ist nichts Gutes. Wir sind Sünder und haben Strafe und Tod verdient. Durch das Gesetz werden wir in der Demut gehalten. Damit wir aber nicht in Verzweiflung verfallen, müssen wir uns auch täglich das Evangelium vor Augen halten und sehen, was wir in Christus haben: Die Vergebung für unsere Sünden und eine vollkommene Gerechtigkeit, die Gott, unser Vater anerkennt.

So sollte es sein. Das haben unsere Väter in der Reformation klar aus der Bibel erkannt und gesagt. Warum läuft das aber heute schief, und warum wird der Glaube oft nicht mehr in dieser Weise gelebt?

Im modernen Protestantismus hat man in den letzten Jahrzehnten einen Systemwechsel vollzogen. Man hat vom biblisch, reformatorischen Glauben Abstand genommen und hat sich dem katholischen System wieder zugewendet. Genauer gesagt, dem System der katholischen Mystiker.

Worin unterscheiden sich diese Systeme. Im katholisch, mystischen System wird der Mensch eindimensional gesehen. Das Thema der katholischen Mystik ist das „Absterben des alten Menschen“. Man will ganz einfach den alten Adam verschwinden lassen.

Nach dem biblisch reformatorischen System wird der Mensch jedoch zweidimensional gesehen und nicht eindimensional. Laut Bibel und Reformation befindet sich ein Christ immer in der Spannung zwischen Fleisch und Geist. Beide streiten widereinander und wollen die Oberhand bekommen.

Luther sagte, dass man den alten Menschen nicht loswerden kann, wie man sich das in der Mystik wünscht. Man will den alten Adam sozusagen ersäufen. Luther sagte dazu: das geht nicht, denn „das Biest kann schwimmen“.

Wir wollen die Mystik in das katholische Gesamtsystem einordnen. Die Mystik will den alten Menschen absterben lassen. Was will das katholische System in einem Satz gesagt?

Nach katholischem Glauben befindet sich der Mensch in einem lebenslangen Prozess des Vollkommenwerdens. Dabei stirbt der alte Mensch ab und im Gegenzug wird man täglich vollkommener und göttlicher. Der Katholizismus möchte also die Vervollkommnung des Menschen und die Vergöttlichung des Menschen. Das wird mit Hilfe guter Werke und der Sakramente erreicht.

Wie gesagt, das ist ein lebenslanger Prozess. Wem das nicht schnell genug geht, der beschäftigt sich mit der katholischen Mystik. Hier kann man den alten Menschen noch schneller zum Absterben bringen und noch schneller vollkommen werden. So zumindest der Wunsch und die Einbildung dieser Leute.

Was unterscheidet uns nun von den Mystikern? Sie sehen den Menschen eindimensional. Ihr Thema ist das Absterben des alten Menschen. Sie wollen den alten Adam verschwinden lassen oder wie Luther sagt ersäufen. Aber das Problem ist: Das Biest kann schwimmen, so Luther.

Schon von Anfang an hat man im Pietismus die katholischen Mystiker aus dem Mittelalter gelesen, hautpsächlich Bernhard von Clairvaux, Meister Eckhart oder Thomas von Kempis.

Aber auch in der evangelikalen Bewegung des 18. Jahrhunderts und des 19. Jahrhunderts hat man die katholischen Mystiker gerne gelesen und in den Glauben integriert. So findet sich im Pietismus und Evangelikalismus vielfach der Vollkommenheitsglaube der Mystiker: Hier meistens unter dem Label „Christus immer ähnlicher werden“ oder „immer mehr von dir, o Herr“.

Was sagt uns die Bibel? Sie sieht den Menschen zweidimensional. Christen stehen ihr ganzes Leben zwischen Fleisch und Geist. Sie halten sich täglich das Gesetz vor Augen und rufen dann mit dem Worten des Paulus: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?“ (Röm 7,24). Darauf halten sich Christen dann das Evangelium vor Augen und antworten mit den Worten des Paulus: „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unserm Herrn!“  (Röm 7,25).

Christen glauben also nicht, dass sie den alten Menschen töten können oder verschwinden lassen können. Sie glauben nicht an die Lehre des Absterbens des alten Adam. Christen, die nach der Schrift leben, wenden täglich Gesetz und Evangelium an und überwinden den alten Menschen. Es ist ein Unterschied, ob ich den alten Menschen verschwinden lassen will oder ob ich ihn überwinde.

Wir als bibeltreue Christen wollen Überwinder sein. Wenn ich so im Glauben und in der Heiligung lebe, werde ich den alten Menschen überwinden können – nicht töten – überwinden. Der alte Mensch begleitet mich zeitlebens, und er wird sich immer wieder melden. Aber wir sollen überwinden: „Ich sage aber: Lebt im Geist, so werdet ihr die Begierden des Fleisches nicht vollbringen“ (Gal 5, 16).

Wir sollen das Fleisch und damit den alten Menschen überwinden, in dem wir ein Leben im Geist führen, sprich wir leben ganz einfach im Glauben an Christus. Was ist aber nun, wenn es einmal umgekehrt ist? Wenn ich von der Sünde überwunden werde? Nun, dann sagt die Schrift: „Und wenn wir gesündigt haben, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist“ (1.Joh 2,2)

„Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sündern vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit“ (1.Joh. 1,9).

Wir haben nun gesehen, dass wir Gesetz und Evangelium täglich anwenden sollen. So leben wir in der Heiligung. Im 4. Punkt wollen wir nun noch sehen, dass es auch hier eine richtige und falsche Anwendung gibt.

  1. Richtige und falsche Anwendung von Gesetz und Evangelium

Ich denke, dass bisher deutlich geworden ist, dass wir uns als Christen darüber Gedanken machen müssen: Wie gehen wir mit unserem Fleisch um? Wir müssen aber auch darüber nachdenken: Wie gehen wir mit unserem Gewissen um?

Wir haben bereits gesehen, das uns das Gesetz für das Fleisch gegeben ist. Das Gesetz schiebt dem Fleisch, also dem alten Menschen und der Sünde, einen Riegel vor. Wenn das Gesetz für das Fleisch ist, dann ist das Evangelium für unser Gewissen.

Wenn ich durch das Gesetz als Sünder überführt werde, dann wird mein Gewissen belastet. Wenn ich Gott und die Bibel ernst nehme, dann wird mein Gewissen sogar gequält, wenn ich sehe, dass ich ein Sünder bin. Deshalb muss mein Gewissen wieder befreit werden. Das geschieht durch das Evangelium. Im Evangelium werden meine Sünden vergeben.

Durch Christus sind meine Sünden gesühnt, und ich bekomme eine vollkommene Gerechtigkeit. Durch den Glauben wird mir Christi Gerechtigkeit angerechnet. Wenn ich so Glaube, dann trifft bei mir dann folgendes Wort Jesu zu: Wen der Sohn frei macht, der ist recht frei“. Durch das Evangelium wird unser Gewissen befreit.

Auch dieser Sachverhalt wird heute oft umgedreht. Was macht man hier? Man gibt seinem Fleisch eine falsche Freiheit durch das Evangelium und sagt: Christus hat doch alle meine Sünden gesühnt, also macht es nichts, wenn ich in Sünde oder fleischlich lebe. Das Evangelium ist aber für unser Gewissen und nicht für eine falsche Freiheit für das Fleisch gedacht.

Im anderen Fall nimmt man das Gesetz für sein Gewissen. In diesem Fall wird man durch das Gesetz geknechtet. Es kommt zu einem gesetzlichen Glaubensleben, und man behält ständig ein schlechtes Gewissen. Durch übersteigerte Frömmigkeitsübungen versucht man sein schlechtes Gewissen zu entlasten.

Nochmal die Anwendung von der Bibel: Für unser Fleisch ist das Gesetz vorgesehen, damit die Sünde in Schranken gehalten wird. Und für unser Gewissen ist uns das Evangelium gegeben, damit wir dem Herrn mit freien und guten Gewissen dienen können und nicht in einem knechtischen, gesetzlichen Geist.

Wir müssen uns als Christen ernsthafte Gedanken darüber machen, wie wir Gesetz und Evangelium anwenden. Luther sagte, „das ist die größte Kunst in der Christenheit“. Möge uns der Herr helfen, dass wir von der Bibel sehen, dass es unsere Aufgabe ist: Wir sollen unterscheiden zwischen Gesetz und Evangelium und beides täglich im Glauben anwenden.

Es ist keine leichte Aufgabe. Es ist eine große Kunst. Aber der Herr hat uns diese Aufgabe gegeben, damit seine Name verherrlicht wird. Er hat uns sein Wort und seinen Geist gegeben. So hilft er uns, dass wir diese Aufgabe bewältigen können.

Im Anhang nun 2 Hörbücher des lutherischen Erweckungspredigers C.O. Rosenius über die Anwendung von Gesetz und Evangelium, die sehr zu empfehlen sind:

1. Die Anwendung des Gesetzes:
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2. Die Anwendung des Evangeliums:
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