Wie legt man die Offenbarung und prophetische Texte aus? (Dirk Noll)

Wie legt man die Offenbarung und prophetische Texte aus?
Oberstes Prinzip: „Was Christum treibet“.

Martin Luther schrieb in seiner Vorrede zu seinem Neuen Testament von 1522: „Auch das ist der rechte Prüfstein, alle Bücher zu beurteilen: zu sehen, ob sie Christum treiben oder nicht.“

Der Reformator kannte natürlich auch noch andere wesentliche Prinzipien für die Auslegung der Bibel wie z.B. scriptura sui ipsius interpres (die Schrift ist ihr eigener Ausleger) oder sola scriptura (die Schrift allein), aber das oberste Prinzip für alle Schriftauslegung ist: „Was Christum treibet“.

Jede Bibelauslegung muss also an der Frage beurteilt werden: Wird dadurch Christus vermittelt? Führt die Auslegung eines Bibeltextes die Hörer und Leser dahin, dass sie zu Christus geführt werden, bei ihnen Glauben an Christus bewirkt wird, ihr Glaube an Christus gefestigt wird und ihr Glaube an Christus bewahrt wird?

Wenn dieses Prinzip allgemein für jede Bibelauslegung gilt, dann gilt es umso mehr für die Auslegung des Buches Offenbarung oder anderer prophetischer Texte, wie die Endzeitrede, die Thessalonicherbriefe oder das Buch Daniel. Denn prophetische Bücher und Texte in der Bibel sind von höherer Komplexität als z.B. einfache Erzähltexte oder Gleichnisse in der Bibel, die einfacher zu verstehen sind.

Unten habe ich eine Predigt von Dr. Martin Erdmann eingestellt, bei der er genau nach diesem Prinzip vorgeht und den grundsätzlichen Zugang zum Verständnis der Offenbarung eröffnet – nämlich Christus. Leider ist die Predigt auf Englisch, doch werde ich im Folgenden das Wesentliche kurz herausstellen:

Wie bekommen wir Zugang zum Buch der Offenbarung und was ist der Schlüssel zum Verstehen dieses prophetischen Buches und wie sollen Christen die Offenbarung lesen?

1. Die Aufgabe der Offenbarung und prophetischer Texte

Um die Frage oben zu beantworten, müssen wir erst einmal klären, welche Aufgabe eigentlich das Buch Offenbarung in der Bibel hat und welche Aufgabe prophetische Texte allgemein in der Bibel haben.

Dr. Martin Erdmann beginnt hierzu in seiner Predigt mit einer Geschichte aus seinem Leben, als er im Alter von 10 Jahren in einer Kirche spielte und eine große Bibel auf dem Altar entdeckte. Als er diese aufschlug landete er bei Kapitel 1 der Offenbarung und hat dieses gelesen.

Dort wird der auferstandene und verherrlichte Christus, der jetzt im Himmel ist, dargestellt mit Augen wie Feuerflammen etc. Das führte Erdmann dazu, dass er unter dem Eindruck dieses Kapitels der Bibel tagelang über die Person Jesus Christus nachdachte und sich die Frage stellte, wer Jesus ist. Erdmann sagt, dass die Offenbarung in erster Linie die Person Jesus Christus offenbart und erst in zweiter Linie offenbart, was in dieser Welt zukünftig geschehen wird.

An diesem Punkt sind bei den Christen heute schon vielfach die Prioritäten verschoben: Sie lesen die Offenbarung in erster Linie, um den Fahrplan für die Zukunft der Welt zu erfahren. Doch dies sagt die Offenbarung nur in zweiter Linie, in erster Linie will sie der Gemeinde, also den Christen, offenbaren, wer Jesus Christus ist. Und die Offenbarung zeigt den Christen Jesus als den souveränen Herrn über die Ereignisse, die in der Welt noch geschehen werden. Jesus Christus lenkt die Geschicke der Welt aktiv und bringt sie nach seinem Plan und Ratschluss zur Erfüllung.

2. Die Aufgabe der Offenbarung ist es, den Glauben der Kinder Gottes zu bewahren

Die Zukunft der Welt in der Offenbarung ist von viel Leid und Trübsal gekennzeichnet. Was nützt es, wenn man diese Dinge weiß, aber nicht weiß, dass sie geschehen müssen und dass Gott darin verherrlicht wird und Christus als Herr aller Herren und König aller Könige souverän handelt?

Weiter sagt Erdmann, dass in der Zukunft auf die Christen kein Leben wartet, indem alles nur Friede und Freude ist… ganz im Gegenteil… die Offenbarung zeigt, dass das Leben der Christen durch massiven Kampf gegen antichristliche Kräfte gekennzeichnet sein wird, solange bis sie beim Herrn in der Ewigkeit sind.

Im historischen Rahmen des Buches der Offenbarung waren die antichristlichen Kräfte u.a. Rom und die römischen Kaiser, welche die Christen verfolgten und durch die Johannes auch auf der Insel Patmos in Gefangenschaft war. In der Geschichte werden dann immer neue und andere antichristliche Kräfte gegen die Christen auftreten, was am Ende gipfeln wird in dem Auftreten des Tieres in der Offenbarung, das Erdmann als den Antichristen und sein antichristliches Reich identifiziert.

Und genau dazu ist die Offenbarung in der Bibel gegeben: Sie soll den Christen helfen, in diesen Kämpfen und Auseinandersetzungen mit den antichristlichen Kräften im Glauben zu bestehen, in dem sie darauf schauen, wie Christus in all diesen Dingen souverän handelt und am Ende als Sieger auf der ganzen Linie über alle diese antichristlichen Kräfte hervorgeht!

3. Der Zugang zum Verständnis der Offenbarung

Wenn ich nach dem Prinzip vorgehe „Was Christum treibet“, dann muss ich als Erstes in der Offenbarung erkennen, dass sie Jesus Christus offenbart. Das Buch Offenbarung beginnt mit den Worten: „Offenbarung Jesu Christi“ (Offb 1,1). Es wird also in erster Linie die Person Jesu Christi geoffenbart, jetzt jedoch nicht mehr als der verachtete und leidende Gottesknecht wie in den Evangelien, sondern als der souveräne Herr aller Herren und König aller Könige (Offb 19,16).

Die Geschichte der Welt wird bis zum Ende durch Abfall von Gott und Krieg gekennzeichnet sein und in alledem werden die Christen unter großen Anfechtungen, Verfolgungen und Trübsalen sein. Sie schaffen es mit ihrer eigenen Kraft nicht, deshalb müssen sie gestärkt, im Glauben bewahrt und getröstet werden, dass sie am Ziel in der Herrlichkeit und neuen Schöpfung Gottes ankommen – und genau das ist die Aufgabe der Offenbarung und anderer prophetischer Texte: Sie zeigen uns Christus als den souveränen Herrn der Geschichte und über alle Dinge, wie er sein Volk der Gläubigen bis zum Ende bewahrt.

Während die Evangelien uns das Werk Christi zur Erlösung zeigen, so zeigt uns die Offenbarung sein Werk der Bewahrung seiner Kinder bis zum Ende selbst durch die schlimmsten Zeiten hindurch. Somit ist der Hauptzweck der Offenbarung nicht, den Fahrplan Gottes in der Geschichte bis zum Ende zu zeigen, wobei sie auch das tut: „… um seinen Knechten zu zeigen, was rasch geschehen soll“ (Offb. 1,1), sondern…

die Offenbarung ist das Mittel zur Bewahrung der Gläubigen durch alle Anfechtungen und Trübsale hindurch.

Wenn man also die Frage stellt: Was Christum treibet in der Offenbarung?…

dann wäre die Antwort: Jesus Christus wird in der Offenbarung als souveräner Herr über die Zukunft der Welt gezeigt und wie er in allen Trübsalen seine Kinder bis zum Ende bewahrt und in die neue Schöpfung führt! (bestätigt wird das oberste Prinzip der Schriftauslegung „Was Christum treibet“ auch durch die Chicago-Erklärung, welche sämtliche konservative Kreise mitlerweile als Glaubensgrundlage angenommen haben, siehe Fußnote unter *) 

Aus diesem Grund ist die Offenbarung auch voll mit Tröstungen und Ermunterungen in Trübsal im Glauben auszuharren. Einige Beispiele dafür:

„Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“
(Offb 2,10; LÜ 84).

Lasst uns dem Herrn treu sein!

„Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich
bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den
ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden wohnen“ (Offb 3,10).

Lasst uns das Wort Gottes bewahren und so wird Gott uns vor der Stunde der
Versuchung bewahren!

„Diese sind’s, die gekommen sind aus der großen Trübsal und haben
ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider hell gemacht im Blut
des Lammes“ (Offb 7,14)

Lasst uns unsere Kleider waschen, indem wir an das Blut Jesu glauben!

„Und sie haben ihn überwunden durch des Lammes Blut und durch das
Wort ihres Zeugnisses und haben ihr Leben nicht geliebt bis hin zum
Tod“ (Offb 12,11).

„Wenn jemand ins Gefängnis soll, dann wird er ins Gefängnis kommen;
wenn jemand mit dem Schwert getötet werden soll, dann wird er mit
dem Schwert getötet werden. Hier ist Geduld und Glaube der
Heiligen!“ (Offb 13,10).

Lasst uns den Herrn um Geduld und Glauben bitten!

„Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben“ (Offb 14,13).

Lasst uns in dem Herrn Jesu Christus sterben!

„Es spricht, der dies bezeugt: Ja, ich komme bald. – Amen, ja, komm,
Herr Jesus!“ (Offb 22,20).

Lasst uns mit der wahren, weltweiten Gemeinde Jesus rufen: Herr Jesus, komme
bald! AMEN!

Im Folgenden nun die Predigt von Dr. Martin Erdmann über den Zugang zum Buch der Offenbarung:

Dieses Video ist DSGVO-konform eingebettet:

Dr. Martin Erdmann – „Book of Revelation – God’s Sovereignty in Action“

YouTube-link: https://www.youtube.com/watch?v=DEc_xlaIAM4


* „Was Christum treibet“ und Chicago Erklärung:

Auch die Chicago Erklärung bestätigt, dieses Prinzip von Luther und schreibt, dass „keine Hermeneutik (Bibelauslegung) akzeptiert werden kann, welche nicht diesem Prinzip folgt“.

Siehe dazu Chicago-Erklärung auf Seite 13: „Als der geweissagte Messias ist Jesus Christus das zentrale Thema der Schrift … Der biblische Kanon ist das göttlich inspirierte und deswegen normative Zeugnis von Christus. Aus diesem Grund kann keine Hermeneutik akzeptiert werden, in der der historische Christus nicht der Brennpunkt ist. Die Heilige Schrift muss als das behandelt werden, was sie ihrem Wesen nach ist, nämlich das Zeugnis des Vaters von seinem fleischgewordenen Sohn“.

Link Chicago-Erklärung:
https://bibelbund.de/wp-content/uploads/2014/03/chicago.pdf

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