HKM (Historisch-kritische Methode) und gibt es überhaupt eine richtige Methode zum Verständnis der Bibel (Dirk Noll)

Historisch-kritische Methode und gibt es überhaupt eine richtige Methode zum Verständnis der Bibel?

Diese Frage wird mir immer wieder gestellt, und deshalb habe ich das Basiswissen dazu, das eigentlich jeder Christ kennen sollte, kurz zusammengetragen.

Die sog. Historisch-kritische Methode (HKM) der Bibelauslegung ist eine ab dem 18. Jahrhundert an den Universitäten entwickelte Methode, die Bibel auszulegen, die heute in Deutschland als einzig gültige Methode an den Universitäten zugelassen ist.

A) Warum lehnen bibeltreue Christen die HKM ab?

  1. Weil die HKM eine Philosophie ist, die vor allem auf die modernen Philosophen Kant und Hegel gründet. Diese Philosophie ist mit der Bibel unvereinbar, siehe dazu Kolosser 2,8: „Sehet zu, dass euch niemand beraube durch die Philosophie und lose Verführung nach der Menschen Lehre und nach der Welt Satzungen, und nicht nach Christo“.
  2. Die HKM leugnet, dass es eine objektive Offenbarung von Gott gibt, und damit leugnet sie die Bibel als das inspirierte Wort Gottes und somit auch Gott selbst.
  3. Die HKM leugnet, dass es objektive Wahrheit gibt (siehe die Philosophie von Immanuel Kant und seinen Ansatz synthetischer Urteile aprióri beim Wahrheitsbegriff) und damit verleugnet sie Jesus Christus, der die Wahrheit in Person ist: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).
  4. Die HKM lässt von der Bibel nur gelten, was der Verstand erfassen kann, und damit stellt sie den Verstand des Menschen über die Schrift und über Gott. Nach der Bibel muss der Verstand des Menschen unter der Schrift und Gott stehen.
  5. Die HKM lässt von der Bibel nur gelten, was jeder Mensch zu jeder Zeit innerhalb dieser Welt beobachten kann. Damit leugnet sie biblische Wunder und alles Übernatürliche.
  6. Die HKM leugnet die Zuverlässigkeit von historischer Überlieferung (siehe die Philosophie von Friedrich Hegel und auch Gotthold Ephraim Lessing, der vom „garstigen Graben“ zwischen Glauben und Geschichte sprach) und damit leugnet sie die historische Wahrheit der Bibel.

B) Gibt es überhaupt eine richtige oder gar biblische Methode zum Verständnis der Bibel?

Die Antwort lautet: Ja.

Wenn die HKM die objektive Wahrheit Gottes und der Bibel leugnet und dem rettenden Glauben an Christus damit den Boden entzieht und jedes wahre Christentum komplett zerstört, dann stellt sich berechtigterweise die Frage, ob wir überhaupt eine Methode brauchen, um die Bibel auszulegen und in sachgemäßer Weise zu verstehen?

Das Ergebnis sehen wir heute an den Christen, die als Reaktion auf die HKM jede Methode zum Bibellesen ablehnen und sagen, jeder Christ soll so die Bibel lesen wie ihm danach ist. Im Prinzip führt dies zum selben Ergebnis wie bei der HKM und es gibt nur noch subjektive Wahrheit, d.h. also, was der Leser der Bibel für sich für wahr hält, das darf er als wahren Glauben für sich ansehen.

Wenn nun jeder die Bibel ohne Methode liest, wie er das selbst für sich richtig ansieht, kommt am Ende auch nur subjektive Wahrheit raus. Der eine versteht einen Bibelvers so, der andere versteht ihn anders. Der eine meint in der Bibel zu lesen, dass Jesus Gott ist und der andere meint, dass Jesus nicht Gott wäre. Der eine meint den Sabbat halten zu müssen, der andere feiert seinen Gottesdienst am Sonntag und dem anderen ist jeder Tag gleich. Der eine meint in der Bibel zu lesen, dass wir vegetarisch leben müssen, der andere liest aus der Bibel heraus, dass Gott dem Menschen auch Fleisch zum essen gegeben hat und viele Dinge mehr. Man muss sich nur einmal die Streitereien unter Christen auf Sozialen Netzwerken anschauen.

Um dieses Problem zu lösen, muss man die Bibel sachgemäß lesen, d.h. mit der biblischen Methode, die Schrift zu lesen und zu verstehen. Und diese Methode ist, die Bibel nach ihrem Literalsinn (wörtlich) zu lesen. Würde das jeder Christ genau beachten und tun, dann kämen alle zur gleichen Lehre der Schrift.

C) Die biblische Methode, um einen Text in der Bibel richtig zu verstehen

Diese findet man vor allem bei den ersten Christen bis hinein in das Mittelalter und dann wieder in der Reformation. In diesen Zeiten glaubten die Christen, dass es nur EINE Methode gibt, um die Bibel richtig zu verstehen und zu lesen: den sog. Literalsinn, d.h. man liest biblische Texte nach ihrem Wortsinn.

In der Zwischenzeit, zwischen frühen Christen und der Reformation hatte man in der katholischen Kirche einen vierfachen Schriftsinn eingeführt, was man in der Reformation vor allem in der Person Martin Luthers korrigierte und wieder zu einem einzigen Schriftsinn, den Wortsinn, zurückkehrte (siehe Link):

https://de.wikipedia.org/wiki/Vierfacher_Schriftsinn

D) Was beinhaltet die Methode, die Bibel nach ihrem Literalsinn (Wortsinn) zu verstehen?

  1. Die ÄUßERE und INNERE KLARHEIT DER SCHRIFT (siehe dazu unter anderem „Vom unfreien Willen“, wo Luther diese Frage behandelt).

Oder von reformierter Seite ist die äußere und innere Klarheit der Schrift im Westminster Bekenntnis (Artikel 1 – Von der Schrift) bezeugt (siehe Link):

https://www.frg-neuenstein.de/download/Westminster_Bekenntnis.pdf

  1. Der Stelle, wo der Mensch beim Lesen der Bibel systematisch, methodisch vorgeht, ist die äußere Klarheit der Schrift. Nach welcher Methode liest ein Christ hier die Bibel? Auch darauf hat Luther und die Reformation eindeutig geantwortet.

Die Methode ist: Man liest die Schrift nach dem Literalsinn (sensus literalis), d.h. man versteht den Text richtig unter BERÜCKSICHTIGUNG DER REGELN DER SPRACHE und des KONTEXTES, in dem ein Bibeltext steht!

Diese Dinge sind jedoch allgemein in der Theologie bekannt und selbst bei Wikipedia findet man darüber einen Artikel:

https://de.wikipedia.org/wiki/Sola_scriptura

  1. Sola scriptura (die Schrift allein), claritas scriptura (die Klarheit der Schrift) oder sensus literalis (die Bibel muss nach ihrem Wortsinn ausgelegt werden) sind jedoch keine ERFINDUNGEN DER REFORMATION, sondern sind bei einer genauen Analyse bereits die Methode der Apostel und frühen Kirche beim Verständnis von Bibeltexten.

E) Die Alternativen zu dem Bibellesen nach dem Wortsinn

Wenn man bei der Frage nach der Methode beim Verständnis von Bibeltexten NICHT von der Allgenugsamkeit der Bibel ausgeht, wie die Apostel, die frühe Kirche oder die Reformation dies getan haben, dann wird man eine andere Methode wählen und diese Methoden gründen immer auf das gleiche Prinzip, man wird eine ZWEITE INSTANZ NEBEN DER BIBEL EINSETZTEN MÜSSEN.

  1. Katholizismus: Ein unfehlbares päpstliches Lehramt wird NEBEN die Bibel als zweite Instanz gesetzt.
  2. Die Charismatik, Mystik oder Schwärmerei: Subjektive und unmittelbare Eingebungen und Leitungen des Hl. Geistes, die nicht mehr objektiv überprüfbar sind, werden als zweite Instanz NEBEN die Bibel gesetzt.
  3. Die liberale Theologie der Neuzeit und die Historisch-Kritische-Methode (HKM) der Bibelauslegung: Eine philosophisch, wissenschaftliche Methode, die subjektiv und willkürlich von Menschen erdacht wurde, wird als zweite Instanz NEBEN die Bibel gesetzt.
  4. Sekten: Sektenführer oder die Organisationsleitung einer Sekte werden als menschliche, subjektive Instanz NEBEN die Bibel gesetzt.
  5. Falscher Biblizismus, der heute unter evangelikalen Christen (leider) eine weite Verbreitung gefunden hat. Hier gibt man fälschlicher Weise vor, man würde nach den Schriftprinzipien der Reformation handeln (sola scriptura), doch in Wahrheit setzen sich selbsternannte Lehrer der Christenheit mit ihrem subjektiven Verständnis der Schrift zum Maßstab für Bibeltreue, ohne dass sie dabei irgendwelche Prinzipien bibeltreuer Schriftauslegung berücksichtigen, geschweige denn, dass sie sich mit den Regeln der Sprache und Grammatik auch nur im Geringsten beschäftigen würden. Gerade auf Sozialen Netzwerken sind solche selbsternannten biblizistischen „Lehrer der Schrift“ unterwegs und scharen ihre Anhänger um sich.

In allgemein verbreiteten theologischen Fachzeitschriften oder Büchern können diese Dinge heute allgemein nachgelesen werden.

Eine vereinfachte Zusammenstellung findet man in folgendem Online-Büchlein von der Professorin Dr. Eta Linnemann, welche eine bekannte Schülerin Bultmanns an der Evang. Fakultät in Marburg WAR und dann zum Schriftverständnis der Reformation umkehrte:

https://clv.de/clvserver.de/wwwroot/pdf/255754.pdffbclid=IwAR39ojz2MO_px5dHZpQYtUqdTefsi3masqECg50sq06zlbzr0aPWauzQLVY

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