DIE VERWILDERUNG DER SITTEN DURCH MAGIE BRINGT DAS RÖMISCHE REICH ZUM EINSTURZ (DR. MARTIN ERDMANN)

(Quelle: Dr. Martin Erdmann http://veraxinstitut.ch)

Folge 2 über Mystizismus

Um die heutigen geistlichen Strömungen in den evangelikalen Gemeinden richtig einordnen zu können, ist es nötig, sich näher mit dem Mystizismus zu beschäftigen.

Der Mystiker strebt Eins-Sein mit Gott an

Der Apostel Paulus beharrte stets darauf, dass er seine Individualität nie aufgegeben hat, selbst dann nicht, als er im Geiste die himmlischen Sphären zu Gesicht bekam (vgl. 2. Kor. 12,1-5.7). Weder Paulus noch Petrus strebten nach einem spirituellen Aufstieg durch mystische Erleuchtung, wodurch der Mensch innerlich umgestaltet werden sollte.

Im Gegensatz dazu strebt der Mystiker danach, seine Persönlichkeit ganz und gar aufzugeben, um sich eins zu fühlen mit der das Weltall durchdringenden göttlichen Substanz. Obgleich in dieser Welt viel im Argen liegt, flüchtet er nicht in eine vergeistigte Ersatzwelt, sondern wartet geduldig auf die seelische Umwandlung. Er beklagt sich nicht, in ein „falsches Leben“ gezwängt zu werden, sondern begibt sich munter auf die Suche nach wahrer Einheit. Der Gnostiker Valentinus gab zum Beispiel vor, in den Zustand der Unsterblichkeit schon im irdischen Leben versetzt worden zu sein.[1] Von einer bedeutungsvollen Geschichte, die einen Anfang und ein Ende hat, konnte in der Antike nicht mehr gesprochen werden: in der Vorstellung der antiken Menschen degenerierte die Zeit zu einem endlosen und ewigen Zyklus.

Mystizismus bereitet Boden für Magie vor

Okkulte Strömungen durchzogen die Zivilisation in der Antike, traten aber meist in unbedeutender, wenn auch grotesker Form auf. Dies geschah meistens zur Zeit der jährlichen Chaosfeste. Diese Situation änderte sich dramatisch, als vor rund 2000 Jahren östliche Mysterienkulte die griechische und römische Welt überschwemmten. Der Mystizismus zog immer weitere Kreise und bereitete den Boden vor, dass sich die Römer im alltäglichen Leben mit Magie befassten. Ein buntes Sammelsurium esoterischer Lehren versprach dem in okkulte Lehren Eingeweihten die Möglichkeit der Selbsterlösung. Chaoskulte sprossen wie Pilze aus dem Boden. Die Astrologie blühte überall auf. Unter der Bezeichnung Gnostizismus entstand ein Religionssystem, das gekennzeichnet war durch ein wildes Gemisch an rationalistischen und mystischen Elementen.

Die Magie verwildert die Sitten

Der Okkultismus überwältigte die rationalistischen Grundpfeiler der älteren klassischen Zivilisation und schwächte sie an entscheidender Stelle. Die Philosophie des Schicksals zog das Römische Weltreich in ihren Bann. Je mehr sich die Cäsaren bemühten, das nagende Bewusstsein der Sinnlosigkeit mit Brot und Spielen auszufüllen, umso ruheloser wurde die Volksseele. Aller Hoffnung beraubt, je die Bestimmung des Daseins ergründen zu können, war der kulturelle Niedergang eine logische Konsequenz. Die Verwilderung der Sitten brachte das bis dahin größte Imperium zum Einsturz.

Die Schicksalsergebenheit prallte mit voller Wucht auf den Zufallsglauben. Ein unpersönlicher Glaube, dass alles vorherbestimmt sei, kämpfte mit einem unpersönlichen Glauben, dass alles zufällig und dem Chaos preis gegeben ist, um die Vorherrschaft über den Menschen. Die Seele des antiken Menschen hielt dieser Spannung nicht stand. Die Menschen konnten ihrer Welt keinen Sinn mehr abgewinnen. Eine dem blinden Schicksal ausgelieferten Welt musste den Wünschen der Menschen gefügig gemacht werden.

Antike Gesellschaft stürzt in große Krise

In geradezu klassischer Weise wies Edward Gibbon auf diesen Zusammenhang in seiner Historie über den Untergang des römischen Imperiums hin. Die Regierungszeit des abtrünnigen Kaisers Julian stellte ein eindrückliches Beispiel dar. Jahrzehnte nach offizieller Anerkennung des Christentums als Staatsreligion überschüttete Julian die Kirche erneut mit abgrundtiefem Hass und belebte die magischen Riten des alten Götterkultus.[2]

Der Abstieg des Römischen Reiches in die Bedeutungslosigkeit kündigte sich an. Das imposante Geistesgebilde der klassischen Philosophie zerfiel in sich und zerstörte allmählich die griechisch-römische Zivilisation. Die antike Gesellschaft wurde in eine Krise ungeheuren Ausmaßes gestürzt.

Christlicher Glaube belebt spätrömische Gesellschaft

Erst als das Christentum in die sich auflösende, nur noch in Bruchstücken vorhandene Kultur der Klassik eindrang, bot sich den Menschen eine Alternative an.[3] Ein kultureller Neuanfang stellte sich ein, als im Zuge der Ausbreitung des Christentums die Völker des Mittelmeerraums dem Schicksalsglauben abgeschworen hatten. Die Irrlehre des Gnostizismus hatte zu Beginn des vierten Jahrhunderts seine Dynamik eingebüßt. Es gelang ihm nicht mehr, dem kulturellen Vorstoß des Christentums etwas Gleichwertiges entgegenzuhalten. Esoterische Lehren konnten sich nicht gegen die biblische Schöpfungs- und Vorsehungslehren behaupten. Das schöpferische Wort eines persönlichen Gottes rief alles Geschaffene im Einklang mit seinem ewigen Ratschluss ins Dasein. Die Existenz und Bedeutung des gesamten Universums entsprang dem weltumspannenden und souveränen Beschluss eines allwissenden, allmächtigen und allgegenwärtigen Gottes. Der Kirchenvater Augustinus legte mit seiner biblischen Kosmologie den Grundstein des christlichen Abendlandes. Der christliche Glaube überwand die intellektuelle und religiöse Krise der antiken Welt und belebte die spätrömische Gesellschaft.


[1] Robert M. Grant, Gnosticism and Early Christianity, 2n ed. (New York: Harper Torchbooks, 1966) 65.

[2] Edward Gibbon, The Decline and Fall of the Roman Empire. An Abridgement by D. M. Low (New York: Harcourt, Brace and Company, 1960) 356: “Amidst the sacred but licentious crowd of priests, of inferior ministers, and of female dancers, who were dedicated to the service of the temple, it was the business of the emperor to bring the wood, to blow the fire, to handle the knife, to slaughter the victim, and, thrusting his bloody hands into the bowels of the expiring animal, to draw forth the heart or liver, and to read, with the consummate skill of an haruspex, the imaginary signs of future events.”

[3] S. dazu, Charles Norris Cochrane, Christianity and Classical Culture. Studies in Thought and Action from Augustus to Augustine (Indianapolis: Liberty Fund, [1940] 2003).

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