IM WORT BEGEGNET UNS DER LEBENDIGE GOTT (DR. MARTIN ERDMANN)

(Quelle: Dr. Martin Erdmann http://veraxinstitut.ch)

“Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dieses war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dieses Wort geschaffen, und ohne dieses ist nichts geworden von allem, was geworden ist. In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtete in der Finsternis, doch die Finsternis hat es nicht ergriffen.” Joh.1,1-3

In den ersten 18 Versen des Johannesevangeliums werden alle wichtigen geistlichen Wahrheiten der übrigen Kapitel zusammengefasst. Es scheint fast so, als ob der Autor diesen Abschnitt an den Anfang seines Evangeliums stellte, nachdem er alles anderen schon geschrieben hatte.

Kaum ein anderer Abschnitt der Bibel ist so tiefgründig wie der Beginn des Johannesevangeliums. Alles dreht sich um die Bedeutung des Wortes “Logos”. Dieses Wort war unter den Griechen ein alltägliches, oft gebrauchtes Wort. Es bedeutet so viel wie “Gedanke” oder “Begriff”, aber auch “Ausdruck” oder die “Äußerung eines Gedankens”. Um zu begreifen, was Johannes unter “Logos” verstand, müssen wir uns den ersten Versen der Bibel zuwenden. Das 1. Buch Mose beginnt mit den Worten, “Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.” (1Mo.1,1).

Nach hebräischer Sitte wurden Schriftrollen nach den ersten Worten benannte, die darin vorkamen. Das 1. Buch Mose hieß also “Im Anfang”. In der lateinischen Übersetzung, der Biblica Vulgata, heißt es “Liber Genesis” (“Buch des Anfangs”). In den englischen Übersetzungen wird es nach wie vor “Genesis” (“Anfang”) genannt.

Johannes wollte damit sagen, Die Welt wurde von Gott im Anfang erschaffen, aber das Wort Gottes existierte in aller Ewigkeit. Das Wort hatte keinen Anfang, es war immer schon da. Die ewige Existenz Jesu Christi wird hier angesprochen, nicht nur vor seiner Menschwerdung, sondern vor aller Zeit.

Johannes lenkt die Aufmerksamkeit seiner Leser auch auf eine andere Aussage des Schöpfungsberichtes, “Und Gott sprach …”

Gottes kreatives Handeln wird in seinem Wort deutlich. Wenn er spricht, geschieht etwas Gewaltiges. Auch der Psalmist, der den 33. Psalm schrieb, war sich dessen voll bewusst.

“Durch das Wort des Herrn sind die Himmel geschaffen, und ihr ganzes Heer durch den Hauch seines Mundes. Er türmt die Wasser des Meeres auf wie einen Wall und legt die Fluten in Vorratskammern. Es fürchte den Herrn die ganze Erde, vor ihm müssen beben alle Erdenbewohner; denn er sprach, da geschah’s; er gebot, da stand es da.”

In welchem Verhältnis steht das Wort zu Gott selbst? Die Antwort finden wir in unserem Text. Mein erster Punkt lautet deshalb:

1.) Die Beziehung des Logos zu Gott

In Anspielung an den Schöpfungsbericht beschreibt Johannes die ewige Beziehung des Wortes zu Gott. Der Logos befand sich schon immer in der Gegenwart Gottes; “das Wort war bei Gott” oder besser übersetzt “es bewegte sich auf Gott zu” als etwas Eigenständiges und doch etwas Wesensgleiches mit ihm. “Gott war das Wort”.

Johannes verwischt nicht den Unterschied zwischen den persönlichen Qualitäten Gottes und denen des Wortes und doch sieht er beide als eine wesensmäßige Einheit. Das Geheimnis der Dreieinigkeit klingt hier an. Der Logos befindet sich in ständiger Gemeinschaft mit Gott. Menschliche Worte können die Intimität der Beziehung zwischen Gott und dem Wort nicht besser ausdrücken als die, die Johannes gewählt hat. Mit absoluter Überzeugung misst er dem Wort Göttlichkeit zu. Die Beziehung des Logos zu Gott wird von ihm mit äußerster Präzision beschrieben. Gott wird als das Wort bezeichnet und nicht das Wort als Gott. Die von dem Autor gewählte Satzkonstruktion im Griechischen lässt nur den Schluss zu, dass der Logos wohl Göttlichkeit besitzt, aber die Wesenhaftigkeit Gottes mehr beinhaltet als nur das Wort. Die Gottheit ist also nicht auf den Logos begrenzt. Gott der Vater und Gott der Heilige Geist gehören ebenfalls zu dem einen Gott dazu, den die Christen anbeten. Johannes stellt diese Sachverhalte deutlich heraus. Die Göttlichkeit des Wortes, das Johannes mit Jesus Christus identifiziert, ist unbestreitbar. Das bedeutet, Jesus Christus ist Gott im vollen Sinnes des Wortes. Jeder, der die Göttlichkeit Jesu ablehnt, versteht den allesentscheidenden Aspekt des Evangeliums nicht.

Betrachten wir nun im Folgenden das Verhältnis des Logos zur Schöpfung.

2.) Die Beziehung des Logos zur Welt

Die kreative, alles bewirkende und unwiderstehliche Macht des Wortes Gottes wird im Johannesevangelium gleich zu Beginn angesprochen.

“Alle Dinge sind durch dieses Wort geschaffen, und ohne dieses ist nichts geworden von allem, was geworden ist.” (Joh.1,3)

Das Wort Gottes ist die ausübende Instanz in der Schöpfung der Welt. Obwohl Johannes den Akt der Schöpfung nicht in detaillierter Form ausführt, begegnet uns in seinem Evangelium doch die allumfassende Aussage, dass jedes einzelne Element der Schöpfung seinen Ursprung im Wort findet. Die schöpferische Kraft Gottes wird mit der des Logos gleichgesetzt. Das Wort selbst steht außerhalb der Schöpfung und ist demnach nicht Teil derselben. Das ewige Sein des Logos und das zeitlich bedingte Werden der Schöpfung werden eindeutig im Text unterstrichen. Gottes Reden im ersten Buch Mose, durch das er alles Geschaffene ins Dasein gerufen hatte, wird im Johannesevangelium mit dem Logos identifiziert und mit Jesus Christus gleichgesetzt. Jesus ist also der Handelnde in der Schöpfung. Das ganze Universum wurde durch ihn ins Dasein gerufen.

Paulus nimmt den gleichen Gedanken im Kolosserbrief auf (Kol.1,15-17),

“Jesus ist ja das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm.”

Wir verdanken Jesus alleine unser Leben. Wenn es ihn nicht geben würde, gäbe es auch uns nicht. Wir sind von ihm geschaffene und gewollte Kreaturen und keine Zufallsprodukte einer unpersönlichen und grausamen Natur.

Im Weiteren behandeln wir das Verhältnis des Logos zu uns Menschen.

3.) Die Beziehung des Logos zur Menschheit

Im Gleichklang mit den anderen Evangelisten ist Johannes hauptsächlich an der Beziehung des Logos zur Menschheit interessiert.

“Und das Wort wurde Fleisch und nahm seine Wohnung unter uns, und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, eine Herrlichkeit, wie sie dem eingeborenen Sohne vom Vater verliehen wird; voller Gnade und Wahrheit” (Joh.1,14).

Wie im Johannesevangelium üblich, werden abstrakte Begriffe mit Christus personifiziert. Die Gute Nachricht begegnet uns in einer Person aus Fleisch und Blut. Der Gedanke, dass Gott Mensch werden konnte, wurde von der größten Irrlehre der christlichen Frühgeschichte, dem Gnostizismus, rigoros abgelehnt. So etwas war für jene Sektierer undenkbar, weil die sichtbar Materie in Anlehnung an den griechischen Dualismus als böse angesehen wurde. Auch Neo-Gnostiker, wie die liberalen Theologen in unserer Zeit, sind entsetzt über die Lehre der Menschwerdung Christi. Doch gerade diese Lehre wird im ersten Johannesbrief als Prüfstein der Rechtgläubigkeit hingestellte.

“Geliebte, schenkt nicht jedem Geiste Glauben, sondern prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind; denn viele falsche Propheten sind in die Welt ausgezogen. Daran könnt ihr den Geist Gottes erkennen, Jeder Geist, der da bekennt, dass Jesus der im Fleisch gekommene Christus ist, der ist aus Gott; und jeder Geist, der Jesus nicht so bekennt, ist nicht aus Gott; das ist vielmehr der Geist des Antichristen …” (1Joh.4,1-3).

Gottes Sohn, der ewige Logos, wurde Mensch und kam zu einem festgesetzten Zeitpunkt (Gal.4,4) in diese Welt, um uns Menschen an der Fülle seiner Gnade und Wahrheit teilhaben zu lassen. Im NT erhält der Begriff “Logos” eine völlig eigenständige Bedeutung. Es bezieht sich auf Gottes Wort, das der Allmächtige in Christus gesprochen hat. In ihm hat er ein für alle Mal zu uns Menschen geredet.

Wenn Lukas von denen spricht, die “Augenzeugen und Diener des Wortes” gewesen sind (Luk.1,2), bekommt man den Eindruck, er habe das enge Verhältnis zwischen Christus und dem Evangelium im Sinn. In der Apostelgeschichte besteht kaum ein Unterschied zwischen dem Predigen des Wortes (Apg.8,4) und dem Verkündigen von Jesus (Apg.1,20). Selbst Paulus erwähnt an einigen Stellen in seinen Briefen das Wort vom Kreuz und meint damit die Verkündigung Christi als dem Gekreuzigten (z.B. 1Kor.1,23; 2Kor.4,5; Gal.3,1). Das gesamte Geschehen um Jesu Tod und Auferstehung wird schlechthin das “Wort Gottes” bezeichnet. Der Logos wird in Christus zur Vollendung gebracht (Kol.1,25-27). Durch sein Leiden und Sterben spricht er gegen Tod und Satan das letzte Wort (Hebr.1,1-4; 2,14-15). Wenn darum nun die Gemeinde vom “Wort Gottes” spricht, dann meint sie die Person Jesu Christi und sein Heilshandeln, das verkündet und im Glauben ergriffen werden muss.

Christus ist also das Wort Gottes, weil Gott durch ihn zu uns spricht. Er hat uns Gottes Gedanken aufgeschlossen. Johannes der Täufer war eine Stimme Gottes; Christus das Wort Gottes. Wir können ebenfalls eine Stimme Gottes werden, wenn wir Jesus Christus als den Gekreuzigten und Auferstandenen verkündigen.

Da Gott selbst Urheber seines Wortes ist, steht er auch mit seiner ganzen Gewalt und Autorität dahinter. Die Menschen, denen er den Dienst an dieser Botschaft anvertraut hat (2Kor.5,18), reden sein Wort (1Thess.2,13). Durch Gottes Kraft wächst es (Apg.19,20), durch ihn allein erreicht es die Herzen der Hörer (Kol.4,3), wirkt es Gnade und Leben (Apg.20,32; 1Pet.1,23). Deshalb heißen es auch, “Das Wort der Wahrheit” (2Kor.6,7), “das Wort des Lebens” (Phil.2,16), “das Wort der Versöhnung” (2Kor.5,19), “das Wort des Heils” (Apg.13,26), “das Wort der Gnade” (Apg.14,3); wobei immer nur das eine “Wort Gottes” gemeint ist, Christus, sein Werk und sein Leben.

Als eine Bezeichnung für Jesus ist “Logos” besonders glücklich gewählt, weil Christus der zusammengefasste Gedanke Gottes ist. In ihm sind alle Schätze der göttlicher Weisheit zu finden (1Kor.1,24; Eph. 3,10-11; Kol. 2,2-3). Besonders in seiner Menschwerdung ist er aber der erhabenste Ausdruck der Gedanken Gottes geworden (Joh.1,3-5, 14-18; 14,9-11; Kol.2,9).

“Denn in Jesus wohnt die ganze Fülle der Gottheit in leiblicher Gestalt, und ihr besitzt die ganze Fülle in ihm, der das Haupt jeder Herrschaft und Gewalt ist.” (Kol.2,9)

Wenn Johannes über Jesus als dem “Logos” spricht, fügt er den letzten Stein in das Gebäude der neutestamentlichen Lehre ein. Die Wichtigkeit dieser Tatsache wird darin deutlich, dass der Begriff “Logos” ganz am Anfang des Evangeliums steht und somit als Sammelbegriff fungiert, unter dem sich alle anderen geistlichen Wahrheiten einordnen müssen. Wir werden dazu aufgefordert, auf das zu hören, was Jesus uns zu sagen hat. Als Petrus, Johannes und Jakobus auf dem Berg der Verklärung waren, hörten sie Gottes Stimme direkt aus den Wolken,

“Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe, höret auf ihn!” (Matth.17,5).

Einige Jahrzehnte später überlieferte uns Petrus das, was ihm auf dem Berg der Verklärung deutlich wurde.

“Denn wir sind nicht klug ersonnenen Fabeln nachgegangen, als wir euch die Macht und Wiederkunft unsers Herrn Jesu Christus verkündigten, sondern wir sind Augenzeugen seiner wunderbaren Herrlichkeit gewesen. Denn von Gott dem Vater hat er damals Ehre und Verherrlichung empfangen, als von der hocherhabenen Herrlichkeit jener Zuruf an ihn erging, “Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.” Diesen Ruf haben wir ja vom Himmel her erschallen hören, als wir mit ihm auf dem heiligen Berge waren, und umso fester steht uns nun das prophetische Wort (Logos), das wir besitzen, und ihr tut wohl, auf dieses acht zu geben als auf ein Licht, das an einem dunklen Ort scheint, bis der volle Tage anbricht und der Morgenstern in euren Herzen aufgeht” (2Pet.1,16-19).

Johannes wendet den Ausdruck “Logos” nur im ersten Kapitel seines Evangeliums auf Jesus an. Doch es sollte nicht übersehen werden, dass er die Worte Jesu immer als Gottes Worte ansieht (3,34; 14,10.24; 17,8,14). Aus diesem Grunde ist es für die Gläubigen äußerst wichtig, ihnen rückhaltlos Glauben zu schenken. In der Tat ist es so, dass nur der, der die Worte Jesu befolgt, auch sein Jünger ist (8,31). Jesu Worte bringen Leben (5,24; 6,68; 8,51), und haben sogar das Leben in sich (6,63). Sie bewirken Reinigung von Sünden (15,3) und geben Kraft im Gebet (15,7). Wenn man sich jedoch weigert, die Worte Jesu zu beachten, bringen sie Gericht mit sich (12,47f). Es ist also von zentraler Wichtigkeit, den Worten Jesu Christi zu gehorchen (14,23; 15,20; 17,6).

Zusammenfassend könnte man sagen, der Ausdruck “Logos” am Anfang des Johannesevangeliums ist keine nebensächliche Bemerkung. Sie ist eines der wichtigen Begriffe, die uns das Verständnis über das Wesen und Werk von Jesus Christus aufschließen. In ihm begegnen wir dem lebendigen Gott. Wir werden aufs Dringlichste dazu angehalten, auf das zu hören, was er uns zu sagen hat.


avatarklein

Eingestellt von Siegfried Schad © Dr. Martin Erdmann alle Rechte an diesem Artikel vorbehalten.

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