Die Reformatoren in der Schweiz nur ein Bande von Mördern? – Johannes Calvin und das Todesurteil gegen Michael Servet. (Dirk Noll)

(Bilderquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Michael_Servetus.jpg  zur Wiederverwendung und Veränderung gekennzeichnet)

In verschiedenen christlichen Kreisen wird Calvin verurteilt oder sogar als „Mörder“ bezeichnet, da er am Tode von Michael Servet Schuld wäre, der am 27.10.1553 vom Stadtrat in Genf wegen Gotteslästerung auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.

Was ist dazu zu sagen?

Michael Servet stand in einer lehrmäßigen Auseinandersetzung über die Gottheit Jesu und die Dreieinigkeitslehre mit Calvin. Im Jahr 1531 verfasste er eine Schrift gegen die Dreieinigkeit „De trinitatis erroribus – über den Irrtum der Trinität“ und veröffentlicht diese.

Servet war ein sehr gelehrter Mann und studierte u. a. Philosophie und Astrologie. Wenn man sich seine Argumentation gegen die Dreieinigkeit anschaut, dann wird deutlich, dass sein Irrtum über die Trinität aufgrund der neuplatonischen Philosophie und seiner Astrologie zustande gekommen ist.

Da Servet die Dreieinigkeit Gottes offen als „dreiköpfigen Höllenhund“ bezeichnete, wurde er schließlich von der Inquisition aufgegriffen. Durch eine abenteuerliche Flucht aus seinem Kerker entgeht er jedoch dem Tod auf dem Scheiterhaufen.

servet

Michael Servet

Darauf taucht er in Genf auf, versucht einige Mitglieder des Stadtrates auf seine Seite zu ziehen und Calvin aus Genf zu vertreiben. Er beschimpfte Calvin auch in übler Weise, nennt Calvin selbst einen Irrlehrer, weil er an die Gottheit Jesu glaubte und fordert, dass man sein privates Vermögen einzieht und ihm, Servet, als Entschädigung gibt.

Servet wird nicht nur von der katholischen Inquisition gejagt, auch in sämtlichen Kantonen der Schweiz, wird er wegen öffentlicher Gotteslästerung gesucht.

Als Servet wiederum im Gottesdienst bei Calvin in Genf auftaucht wird er erkannt und von dem Sektretär Calvins verhaftet und dem Stadtrat in Genf ausgeliefert.

Darauf meldet sich die katholische Inquisition und bittet um die Auslierferung von Servet. Dieser wird nun vom Genfer Stadtrat vor die Entscheidung gestellt, entweder wird er ausgeliefert oder in Genf vor Gericht gestellt. Servet entscheidet sich für Letzteres.

Es fehlen jedoch die Beweise, dass Servet der Gotteslästerung schuldig ist und Calvin stellt 30 Briefwechsel mit Servet zur Verfügung, aus den ersichtlich wird, dass Servet die Gottheit Jesu leugnet. Der Stadtrat holt nun Erkundigungen bei den anderen Schweizer Kantonen ein (Basel, Bern, Schaffhausen und Zürich), wo er gesucht wird und kommt dann zu dem Urteil, dass Servet wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt werden soll.

Calvin versuchte noch die Todesstrafe abzumildern, dass er nicht als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird, unternahm letztendlich aber auch keine Versuche, den Stadtrat aufzuhalten, was sowieso nicht möglich gewesen wäre.

Im Nachhinein verteidigte Calvin das Todesurteil an Servet mit den Worten: Wer die Seele eines Menschen durch Gotteslästerung tötet, der ist genauso schuldig, wie jemand, der den Leib eines anderen durch Mord tötet.

Dieses Todesurteil fand damals allgemeine Zustimmung unter den protestantischen Theologen, mit einer Ausnahme: Der Baseler Theologe Castellio setzte sich kritisch damit auseinander und verfasste die Schrift: „Von den Häretikern und ob sie zu verfolgen seien“.

Ist die unter manchen Christen verbreitete These „Calvin sei der Mörder von Michael Servet“ aufgrund dieses historischen Hintergrundes haltbar?

Nein.

Michael Servet wurde von der damaligen weltlichen Obrigkeit wegen Gotteslästerung verurteilt. Die Obrigkeit trägt das Schwert von Gott um die Übeltäter zu bestrafen (Röm 13). Zudem hatte Servet die Obrigkeit auch offensiv herausgefordert und in gewisser Weise zu einem solchen Urteil gedrängt.

Calvin war in der Weise mit daran beteiligt, dass er Servet dem Stadtrat in Genf ausgeliefert hat, durch seine Briefwechsel die Beweise für die Gotteslästerung von Servet lieferte, keine Versuche unternommen hat, den Stadtrat aufzuhalten und im Nachhinein das Todesurteil gerechtfertigt hat.

Ist Calvin damit ein Mörder oder am Tod von Michael Servet Schuld?

Mit Sicherheit nicht.

Man kann höchstens kontrovers darüber diskutieren, ob das Todesurteil und wie es dazu kam im christlichen Sinne moralisch einwandfrei ist. Und dies wird auch getan. Man sollte dabei jedoch beachten, welche Verhältnisse damals im Hinblick auf die Obrigkeit herrschten und dass Gotteslästerung unter Todesstrafe stand. Man sollte auch bedenken, ob eine neuzeitliche, humanistische Kritik hier angemessen ist, welche behauptet, dass ein Todesurteil wegen Gotteslästerung „intolerant“ wäre. Im 16. Jahrhundert geschah dies im Geist jener Zeit.

Es würde mich freuen, wenn dieser Hintergrund bei Christen dazu beitragen würde, das Todesurteil gegen Michael Servet und die Beteiligung von Calvin etwas ausgewogener und schachlicher zu beurteilen.

(Dieser Artikel verzichtet auf Quellenangaben, ist aber in Übereinstimmung mit der gängigen Geschichtsschreibung, wie man sie in den Kirchengeschichtsbüchern oder Standardwerken, wie dem RGG findet.

Der Artikel soll eine mittlerweile unter Christen falsche Ansicht widerlegen, dass die Christen in der Schweiz während der Reformation eine Bande von Mördern gewesen sind. Das Gegenteil ist der Fall: Es kam zu einer Rückkehr zu dem biblischen Prinzip „allein die Schrift“ und zum biblischen Evangelium, dass man allein durch die Gnade Gottes und die Vergebung durch das Blut Christi errettet wird).


 


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