Spektakel: ICF Basel (Siegfried Schad) / Wer ist Leo Bigger? (Alexander Seibel)

Spektakel: ICF Basel (Siegfried Schad)

ICF Basel im Herbst 2009: Der Saal rockt, kaum ein Besucher ist älter als 20, die elektrischen Gitarren der „worhsip“-Band jaulen zum Steinerweichen … die Stimmung ist auf dem Höhepunkt als die Botschaft von einer resoluten jungen Dame in einem gut verständlichen Basel-Dütsch verkündigt wird, daß ohne Dschiesus (Jesus) nüt goht (nichts geht). Die Menge ist begeistert … ich schaue durch die Reihen und frage mich, ob hier auch ein paar Joints herumgehen, kann aber nichts entdecken.

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Da ich (zu diesem Zeitpunkt 48 Jahre) etwas älter als 20 aussehe, spricht mich der Hauptpastor (Anfang 40) im Foyer an, stellt sich vor und fragt mich, wie ich die Message fand … ich kann ihm nicht sofort Rede und Antwort stehen, da mich seine Körpersprache, die mich an einen Rapper erinnert ziemlich irritiert … zu einem unhörbaren Takt, tänzelt er von einem Bein aufs andere und seine Hände beschreiben merkwürdige Figuren in der Luft … ich murmele so etwas wie: „naja, gewöhnungsbe-dürftig … ich muß mal drüber nachdenken“ und bin danach sehr froh, daß er des Weges hampelt und von mir abläßt.

Zu dieser Zeit war ich noch ein Pfingstler gewesen und in Fragen der Gestaltung eines Gottesdienstes relativ großzügig – einen Gottesdienst konnte ich in diesem Rahmen jedoch schon damals nicht erkennen und schon gar kein Umfeld in das ich meine heranwachsenden Töchter gerne eingeführt hätte. Spektakel ICF, mein kurzer Erlebnisbericht, der mir bereits vor Wochen auf facebook herbe Kritik, üble Nachrede und den Vorwurf eingetragen hatte, daß ich richte …

1. Kor 2,15 Der geistliche Mensch dagegen beurteilt zwar alles, er selbst jedoch wird von niemand beurteilt.

Wer ist Leo Bigger? (Alexander Seibel)

bigggerICF-Leiter Leo Bigger

Wer ist Leo Bigger?

Alexander Seibel

Leo Bigger leitet seit 1994 die von Heinz Strupler gegründete „International Christian Fellowship“-Gemeinde in Zürich. Inzwischen ist ICF mit ihm als Chef-Ältesten die größte Gemeinde der Schweiz.

Wegen seines großen Erfolgs wurde er auch im Jahre 2002 auf die Deutsche Evangelisten-Konferenz eingeladen. Sein Auftritt bewirkte einige Irritationen. Mit jugendlichem Schwung legte er los und verglich die anwesenden Evangelisten mit den Totengebeinen aus Hesekiel 37. Damit der Geist über die, zumindest teilweise, verdorrten Verkündiger käme, blies er abschließend im Gebet dreimal ins Mikrophon. Das war nun doch des Guten zu viel und auch Sympathisanten der charismatischen Frömmigkeit zeigten sich überrascht bis leicht schockiert. Leo Bigger wurde freundlich aber deutlich verabschiedet.
Dies offenbart ein zutiefst magisches Denken. Es fügt sich problemlos in unsere Zeit und erinnert an Galater 3,1. Von daher schwingt in der ICF-Bewegung, neben allen positiven und auch aufrüttelnden Impulsen, doch gleichzeitig auch etwas anderes mit, die heute leider oft übliche Vermischung (2Kor 6,15-16).

Anlässlich ihres 15-jährigen Gründerjubiläums war als Starredner Reinhard Bonnke eingeladen. (hier)

Dieser passt ziemlich nahtlos in diese neue Strömung. Bei seinem Auftritt auf  der Feuer-Konferenz 1987 in Frankfurt brüllte er gleich siebenmal hintereinander ins Mikrophon: I release the fire of the Holy Ghost, (Ich setze das Feuer des Heiligen Geistes frei). Dieses scheinbare Verfügen über den Geist Gottes erinnert an ein Zitat von Saturnin Wasserzug: „Der Heilige Geist ist die herrlichste Gabe an die Gemeinde, wenn sie gehorcht und die gefährlichste, wenn sie versucht, Ihn zu manipulieren.“

Kürzlich unterhielt ich mich mit einem Bibellehrer und wir kamen auch auf ICF zu sprechen. Leo Bigger war vor einiger Zeit, es dürfte schon einige Jahre her sein, nach Wölmersen auf das Neues Leben Seminar eingeladen worden. Zunächst konnte er viele Seminaristen mit seiner Art begeistern. Dann betonte er mehrfach, wie man Entscheidungen alleine treffen sollte. Wenn mehrere Verantwortliche Entscheidungen fällen, sei das nicht hilfreich.

Als dann einige Bibelschüler darauf hinwiesen, wie das in den Paulusbriefen doch anders dargelegt ist, spricht doch Paulus gewöhnlich im Zusammenhang mit der Leiterschaft von der Mehrzahl, nicht Einzahl bezüglich Älteste, war Biggers Antwort: „Paulus kannte damals noch nicht die Prinzipien der heutigen modernen Management- und Marketingmethoden. Hätte er diese damals schon gekannt, hätte er seine Briefe anders geschrieben.“ So oder so ähnlich hat er dies ausgedrückt.

Das Kennzeichen eines geistlichen Menschen ist gemäß 1Korinther 14,37, dass man erkennt, dass es des Herrn Gebot ist, was Paulus schreibt (1Kor 14,37). Gemäß dieser Aussage war der Apostel scheinbar vom Heiligen Geist nicht richtig oder nicht vollständig instruiert worden. Offenbar wusste der lebendige Gott vor 2000 Jahren noch nichts von den angeblichen Erkenntnissen, die wir in unsren Tagen meinen entdeckt zu haben.

ICF gebraucht statt Älteste die Bezeichnung CEO, also Chief Executive Officer, ein Ausdruck aus der amerikanischen Geschäftswelt, was soviel heißt wie Vorsitzender, Präsident der Geschäftsleitung, eine Art Generaldirektor also. Die Bezeichnung an sich wäre unverfänglich, doch bei dieser neuen Bewegung herrscht ein starker Zentralismus, wie ja auch obiges Zitat nahe legt. Dieses autoritäre Führungsprinzip wird nun auf die Gemeinde übertragen.

Beim Dünenhof-Festival erklärte Leo Bigger als einer der Redner: „Gott versorgt uns durch seinen Geist mit Blitzgedanken, auf die wir hören und vertrauen lernen müssen, sonst gehen wir an seiner Kraftausrüstung vorbei“ (ideaSpektrum 22/2015). Solche „Geistesblitze“ sind typisch für medial veranlagte Menschen. Es ähnelt dem auch immer populärer werdenden „prophetischen oder hörenden Gebet“. Es passt nahtlos in unsere Zeit der esoterischen Auf- und Dammbrüche. New Ager finden sich bei solchen Phänomenen auf vertrautem Gebiet. Lukas 11,35 ist vielleicht die zutreffendste Ermahnung zu dieser Art von „Erleuchtungen“.

Auf seinem Link http://www.leobigger.com/ heißt es gleich als Überschrift: Glaube an Gott, der an Dich glaubt! Das ist die typische Verlagerung von theo- zu anthropozentrisch. Es stellt den biblischen Sachverhalt auf den Kopf und ist kennzeichnend für eine Generation, die Eigenliebe in Erfüllung von 2Timotheus 3,2 zu einer Tugend erhoben hat.

Nach einem Auftritt von Leo Bigger im Rahmen eines ökumenisch-evangelistischen Kreises in Bremervörde, kommentierte ein reifer und erfahrener Bruder, seiner Frustration eher freien Lauf lassend, folgendermaßen diesen Vortrag: Ich habe mir den Vortrag auf youtube angesehen, angehört: Intellektuell auf unterstem Niveau, theologisch zu 90% irreführend falsch und von der Darbietung auffallend anthropozentrisch. Die Zuhörer, die meisten wohl Gläubige, haben (fast pausenlos) offensichtlich ihre eigene Unkenntnis der Bibel beklatscht – geistlich unterstes Niveau. Angefügt waren noch diese Zeilen:Entschuldigung, ich kann manchmal nicht mehr anders, als ironisch zu reagieren, weil es keine vernünftige Basis mehr für einen sachlichen Diskurs gibt…

Selber habe ich einen Gottesdienst von ICF einmal in Zürich besucht. Es war zwar nicht auf so einem beklagenswerten Niveau, wie es dieser Bruder schildert, doch manches ähnelte einem frommen Kindergarten auf theologisch ziemlich dünner bis infantiler Ebene. Beleuchtet war nur die Bühne im Vordergrund. Wer eine Bibel mithatte, saß buchstäblich im Dunkeln. Es erinnerte an  die Charakterisierung des Paulus der Gläubigen zu Korinth, die er als geistliche Säuglinge bezeichnete (1Kor 3,1-3). Im zweiten Brief muss er derselben Gemeinde sogar vorwerfen, wie sie einen fremden Geist gerne akzeptieren (2Kor 11,4).

Auf dieser Ebene einer ebenso naiven wie plumpen Vertraulichkeit liegt auch Biggers Zeugnis über den Heiligen Geist. In seinem neuen Buch schreibt er abschließend: Darum Danke, lieber Daddy im Himmel, dass du mir einen neuen Freund zur Seite gestellt hast, einen richtigen  Goldjungen, deinen Heiligen Geist! Mamma mia. Bin ich glücklich!(Leo Bigger – Geist Gottes, fontis Brunnen Basel).
Der andere gefeierte Redner auf dem Dünenhof war Johannes Hartl, ein Katholik und Vertreter der charismatischen Bewegung innerhalb der Kirche Roms. Sein Buch „In meinem Herzen Feuer“ zieht ziemliche Kreise. Dazu angefügt eine Stellungnahme in Bibel und Gemeinde Nr. 1/2015 (siehe Anhang).

Nun, jeder der nur etwas Ahnung von der geistlichen Ausrichtung des Dünenhofes hat, sollte darüber nicht allzu sehr überrascht sein. Anhänger der Mystik und des Schwarmgeistes sind dort gefragte Redner.

In einem Vortrag zu dem Thema Manifestationen des Heiligen Geistes erklärt Johannes Hartl lange und breit, warum Menschen, wenn sie vom Heiligen Geist berührt werden oder er mit ihnen betet, zittern, umfallen, von Energien durchströmt werden usw. (hier)

Als Belegstellen werden aus der Bibel Argumente bemüht, wie sie besonders im Zusammenhang mit dem Toronto-Segen sattsam bekannt wurden. Obwohl von menschlich gewinnender Art, kann ich ihn von diesen Darlegungen her nur als Extrem-Charismatiker einstufen.

Johannes Hartl ist auch wegen seiner Eloquenz nicht nur in der katholisch-charismatischen Strömung ein neuer Star geworden. Dank der Remystifizierung der Evangelikalen, die mit Richard Fosters Megabestseller „Nachfolge Feiern“ vor ca. 30 Jahren ihren Anfang nimmt, wird er auch in der evangelikalen Welt immer beliebter und einflussreicher werden.

Den zunehmenden Einfluss kann man auch daran erkennen, dass Bigger und Hartl nicht nur am Dünenhof sprachen, sondern auch als besondere Referenten für den Willow Creek-Leitungskongress Februar 2016 in Hannover angekündigt sind. Auch für die von Campus für Christus Schweiz am Ende des Jahres geplante Explo 2015 in Luzern sind sie als begehrte Redner aufgeführt.

Fazit: Es erinnert diese Verkündigung in ihrer Theologie und Lehre an ein auf die Erwartungen des Publikums angepasstes „Christentum-light.“ Von Dr. Georg Huntemann gibt es den Ausspruch: „Diese Generation kann einen nüchternen Glaubenswandel nicht mehr ertragen. Sie braucht eine religiöse Sinnlichkeit bzw. sinnliche Religiosität.“ Gestalten, die man noch vor gar nicht so  langer Zeit in die Seelsorge gebracht hätte, sind heute die Manager der „Erweckung“ und leuchtende Vorbilder für viele evangelikale  Jugendliche geworden. Dahingegeben ist nicht nur gemäß Römer Kap. 1 unsere gegenwärtige Generation, – die derzeitige Debatte um die Homo-Ehe sollte auch dem naivsten Evangelikalen und Schwärmer zeigen, in welch einer Zeit wir tatsächlich leben –  sondern leider auch ein erschreckend großer Teil der Christenheit.

Es ist erschütternd, mit welch rasantem Tempo sich das moralische Klima in nur kurzer Zeit geändert hat. Das Deutschland bzw. Europa von heute ist nicht mehr vergleichbar mit dem vor nur zehn Jahren. Ähnliches hat sich auch in der evangelikalen Christenheit – leider – abgespielt. Ethische Positionen, die bis vor kurzem noch unantastbar schienen, werden auf einmal preisgegeben. Inzwischen mahnen auch führende Evangelikale ein Umdenken z.B. in der Einstellung zur Homosexualität an.

Für mich ist dies auch in gewisser Hinsicht eine Erfüllung von Matthäus 24, die Verse 11-12 in der Wiederkunftsrede unseres Herrn Jesus. Vers zwölf spricht von der kommenden „anomia“, Gesetzlosigkeit. Vor unseren Augen werden die Gebote Gottes eingeebnet und mit der Gender-Ideologie erleben wir einen Frontalangriff gegen die göttliche Ordnung der Familie. In dieser Zeit also werden gemäß Vers 11 die falschen Propheten auftreten. Der Erfolg ist garantiert, heißt es doch im selben Abschnitt, „sie werden viele verführen“. Bei einer neoevangelikalen Christenheit, deren Maßstab immer mehr der Erfolg und immer weniger die Lehraussagen der Schrift geworden ist, hat der Verführer natürlich leichtes Spiel.

Bekanntlich beginnt das Gericht Gottes am Hause Gottes (1Petr 4,17). Die ganze Entwicklung erinnert an A. W. Tozers berühmtes Zitat: „Wenn wir mit der Theologie, die wir heute haben, eine Erweckung bekommen, bedeutet das für die Christenheit eine moralische Tragödie, von der sie sich in 100 Jahren noch nicht erholt hat.“

Anhang

Hartl, Johannes. In meinem Herzen Feuer. Meine aufregende Reise ins Gebet. Witten: SCM R. Brockhaus 2014 (2. Aufl.), 232 S.

Der promovierte katholische Theologe Johannes Hartl beschreibt in diesem Buch die Entstehung des Gebetshauses in Augsburg und schildert in den 25 Kapiteln, welche Erfahrungen er u.a. auf vielen Auslandsreisen in seinem persönlichen Gebetsleben gemacht hat. Der Autor beschreibt offen und ehrlich seine Jugendzeit, negative und positive Erfahrungen im praktischen Christsein und erinnert in etlichen Passagen an biblische Wahrheiten (Notwendigkeit des Bibellesens, Engagement für Außenstehende, Israel ist das Volk Gottes, kein Sex außerhalb der Ehe etc. Absolut richtig ist seine Feststellung: die Beschäftigung mit Jesus ist Gebetsmotivation.Das Buch ist allerdings gefüllt mit mystisch-esotherischen Erlebnissen. Der Autor beschreibt Visionen, „meditatives Bibellesen“ (3 Wochen lang täglich vier Stunden lang einen Psalmvers beten), Gebet als künstlerischen Akt, schildert „Power-Erfahrungen“, stellt die klösterliche Abgeschiedenheit als lehrreich und als begehrenswertes Lebensziel dar, spricht über „Jesus-Ecken“ als Gebetsplatz, über diverse charismatische Praktiken, über Energydrink-Stapeln für Gebetsmarathon, über Totenerweckungen im Namen Jesus usw. Vieles klingt sehr befremdlich und teilweise haarsträubend! Es mangelt stark an den biblischen Aussagen über Gebet oder an Hinweisen, wie Jesus gebetet hat. Die Aussage „wenn du jemanden demütigen willst, frage ihn nach seinem Gebetesleben“ trifft auf Johannes Hartl nicht zu.

Nervig und überheblich wirkten auf mich die vielen Ortsbeschreibungen und Reiseerlebnisse. Das Buch ist eher eine Autobiographie als ein Sachbuch über Gebetsleben. Ich kann es keinem empfehlen.

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