Das in Christus verwurzelte Denken des neuen Menschen (Dr. Martin Erdmann)

(Quelle: Dr. Martin Erdmann www.veraxinstitut.ch)

Der verführerische Sirenengesang weltlicher Philosophie wird von jedem Menschen wahrgenommen. Deshalb ermahnt Paulus den Gläubigen inständig, sich vom Denken der Welt fernzuhalten (Kol. 2,8). Denn darin begegnet uns der fast unwiderstehliche Ruf ins Verderben. Stattdessen sollte der Christ in der biblischen Wahrheit verwurzelt und im Glauben gegründet sein (V. 7); seine Denkvoraussetzungen müssen sich auf die Gebote und Lehren Christi stützen, nicht auf den eitlen Traditionen der Menschen (vgl. V. 3, 4, 22; 3, 1-2). Nur so kann die Forderung, im Denken Neutralität zu wahren, abgeblockt werden. In Wirklichkeit ist die vermeintliche Neutralität nichts weiter als ein verschleierter Agnostizismus, hinter dem sich ein unverhohlener Unglaube verbirgt. Gibt der Gläubige dennoch den Verlockungen einer falsch verstandenen „intellektuellen Redlichkeit“ nach, springt er vom Berggipfel christlicher Erkenntnis in den finsteren Abgrund der totalen Unkenntnis. Am Ende dieses Falls erwartet ihn nichts als geistlicher Bankrott. Sein Versagen in Christus zu leben, wird allen offenkundig. Nichts Schlimmeres könnte ihm geschehen, als die Wahrheit zu unterdrücken, die ihm in Christus geschenkt wurde, und das biblische Verständnis über die Bedeutung des Lebens gegen die eitle Torheit der Welt einzutauschen (vgl. Röm. 1, 21, 25).

In Kol. 2, 6 gibt uns Paulus einfache Anweisungen, wie uns Christus zur Lebensgrundlage (einschließlich unserer Gelehrsamkeit) werden kann. Nur so werden wir befähigt sein, unser Denken von christlichen Prinzipien leiten zu lassen. Wir werden aufgefordert, in Christus so zu leben, wie wir anfänglich unterwiesen wurden und ihn im Glauben annahmen. Wenn wir dies tun, wird unser Leben an Vitalität und Kraft gewinnen. Doch wie sind wir an Christus gläubig geworden? Wie gelangen wir zur Reife in unserem christlichen Wandel?

Jemand kann nur dann Christ werden, wenn er sich gänzlich von den Denkformen der weltlichen Weisheit abwendet. Die Welt in ihrer Weisheit kennt Gott nicht (1. Kor. 1, 21), sondern hält das Wort vom Kreuz für Torheit (1. Kor. 1, 18, 21b). Orientiert sich ein Mensch also an der Meinung der Welt, wird er niemals die Weisheit Gottes als das verstehen lernen, was sie in Wirklichkeit ist; deshalb wird er auch nie in eine organische Glaubensbeziehung zu Christus eintreten. Denn nur der Gläubige weiß, dass ihm Christus zur Weisheit Gottes gemacht ist (1. Kor. 1, 30). Der Glaube besteht nicht in der Weisheit der Menschen, sondern in der kraftvollen Erweisung des Geistes (1. Kor. 2, 4-5). Darum ist einzig ein grenzenloses Vertrauen vonnöten, dass auf Christus hin ausgerichtet ist. Darin zeichnen wir uns vornehmlich als Christen aus. Die Zeitform des in Vers 7 verwendeten griechischen Verbs (dt. „verwurzelt“) legt eine Handlung nahe, die in der Vergangenheit verfüllt worden ist, ihre Wirkung aber in der Gegenwart beibehält – das ist genau das, was Paulus in V. 6 zum Ausdruck bringt. Wir verlassen uns nicht mehr in selbstgenügsamer Weise auf unseren eigenen Verstand, sondern stellen unsere Hingabe an die persönliche Herrschaft Christi darin unter Beweis, dass wir das Wort Gottes an die erste Stelle setzen. Infolgedessen leben wir in Christus so, wie wir ihn im Glauben aufgenommen haben. Kurzum: wir haben uns in der glaubensvollen Annahme Christi von aller menschlichen Weisheit (allem humanistischem Gehabe und Gerede) losgesagt und uns mittels der Erleuchtung des Heiligen Geistes dem Sinn Christi geöffnet (1. Kor. 2, 12-16). Die im christlichen Lebenswandel zu befolgenden Prinzipien sind dieselben, die bei der Bekehrung zu Christus Gültigkeit besaßen.

Paulus ruft also die in Christus verwurzelt Menschen seiner und unserer Zeit auf, in ihrem Denken die gleichen Grundsätze des Glaubens zu beachten, die in der Annahme des Heils operativ waren. Deshalb müssen wir Cornelius Van Til zustimmen, wenn er sagt:

„Christus spricht zu uns in der Bibel als Gottes Sohn. Deshalb appelliert die Schrift nicht an den menschlichen Verstand als ultimativ, um sich selbst in dem zu rechtfertigen, was sie sagt. Im Gegenteil, sie tritt an den Menschen in absoluter Autorität heran und fordert ihn auf, seinen Verstand so zu sehen, wie sie es tut, nämlich als etwas von Gott geschaffenem. Darum ist es nur angebracht, dass sich der Verstand Gottes Autorität unterordnet … Die grundsätzlichen Differenzen zwischen Gläubigen und Ungläubigen rühren von der prinzipiellen Andersartigkeit ihre Grundsätzen her. Nach Vorgabe des nichtchristlichen Denkens stellt sich der Mensch als endgültiger Bezugspunkt in der Prädikation dar … Die reformierte Methode … zeichnet sich hingegen darin aus, dass sie die Weisheit „von oben“ an den Anfang ihrer Überlegungen stellt. Sie macht Gott in allem zur Grundlage. Aber damit verwehrt sie sich die Möglichkeit, sich an irgendeinem Punkt mit dem Ungläubigen auf eine gemeinsame Grundlage zu stellen … Die Gläubigen haben sich nicht aus eigenem Antrieb für die christliche Position entschieden, weil sie klüger sind als andere. Denn sie stehen im Besitz der Weisheit und Erkenntnis nur deshalb, weil ihnen dieses kostbare Gut aus Gnaden geschenkt wurde. Dementsprechend wäre es fatal, wenn sie sich erneut auf die nichtige Philosophie des gefallenen Menschen einlassen würden. Es wäre schon verkehrt, ihr die Möglichkeit einer eventuellen Richtigkeit einzuräumen, geschweige denn sie für die Wahrheit zu halten. Denn die Schrift sieht sich in ihrer wesentlichen Rolle als alleiniges Kriterium der Wahrheit an.“

Darüber hinaus bewirkt der Heilige Geist in allen Gläubigen das Bekenntnis, dass „Jesus der Herr sei“ (1. Kor. 12, 3). Jesus wurde gekreuzigt, stand vom Tode auf und fuhr in den Himmel, um als Herr bekannt zu werden (vgl. Röm. 14, 9; Phil. 2, 11). Deshalb kann Paulus die rettende Botschaft in den Worten zusammenfassen: „Jesus ist der Herr“ (Röm. 10, 9). Um Christ zu werden, muss man sich der Herrschaft Christi unterordnen; dieser Schritt vollzieht sich in zwei Abschnitten: erstens gibt man die Selbstbestimmung des eigenen Lebens auf und zweitens stellt man sich unter die Autorität des Gottessohnes. Paulus gibt uns in Kol. 2, 6 deutlich zu verstehen, dass derjenige, dem wir uns völlig ausliefern müssen, Jesus Christus ist. Als Herr über dem Leben des Gläubigen, verlangt der Sohn Gottes von uns, dass wir ihn mit all unserem Vermögen lieben (mitsamt unserem Denken, Matth. 22, 37); jeder Gedanke muss gefangen genommen werden unter den Gehorsam Christi (2. Kor. 10, 5).

Folglich wissen wir nun, dass ein Leben in Christus, wie es uns Paulus vor Augen führt, ein Leben ist, das sich radikal von den Denkformen der weltlichen Weisheit abkehrt und sich der epistemologischen Herrschaft Christi unterordnet (d. h., wir anerkennen seine ausschließliche Autorität im Bereich des Denkens und Wissens). Nur unter diesen Voraussetzungen kann ein Mensch zum Glauben kommen und sein Leben als Christ weiterführen – selbst wenn er sich mit Wissenschaft, Bildung, oder Apologetik beschäftigt.
Zeichnet sich ein Glaube von solch tief greifender und geistlicher Qualität aus, kann er sich der Neutralitätsforderung einer säkularen Welt erfolgreich widersetzten und den krummen Maßstab des Unglaubens zugunsten der geraden Messlatte des Wortes Gottes eintauschen. Ein derartig gefestigter Glaube lässt es nicht zu, dass man ihn aller Schätze der Weisheit und der Erkenntnis, die in Christus verborgen sind, beraubt; auch dann nicht, wenn man ihm die „Vorzügen“ säkularer Philosophien mittels wohlklingender Überredungskünste anpreist (V. 3-8). Er weiß, dass es sich hierbei nur um eitle Täuschung handelt. Deshalb ist das Gütezeichen einer Gelehrsamkeit, die sich ihrer biblischen Verantwortung bewusst ist, die bedingungslose Verankerung in Christus. Es ist dem Gläubigen, dessen Sinn dank der Unterweisung in Christus erneuert wurde, untersagt in intellektueller Dünkelhaftigkeit und Finsternis zu wandeln, die so charakteristisch ist für die ungläubige Welt (vgl. Eph. 4, 17-24). Als geistlich veränderter Mensch sind ihm neue Verpflichtungen übergeben worden. Sein Denken verläuft in neuen Bahnen und geht auf ein neues Ziel zu. Um seiner Berufung gerecht zu werden, muss er Christus die Vorrangstellung in allen Gebieten des Lebens, auch dem des Denkens, einräumen (vgl. Kol. 1, 18b).

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