Frage an Dr. Roger Liebi: biblische Argumente gegen den 5-fältigen Dienst in der Charismatik (Siegfried Schad) / Antwort (Dr. Roger Liebi)

Frage an Dr. Roger Liebi: biblische Argumente gegen den 5-fältigen Dienst in der Charismatik (Siegfried Schad)

Der folgende Kontext hielt mich eine lange Zeit gefangen im Lager der Kontinuisten (siehe frühere Artikel ). Ich gab mich zunächst zufrieden mit der Begründung, daß die Kirchenväter (Augustinus, Polycarp, etc.) den Dienst des Apostels und des Propheten mit Johannes für beendet ansahen – jedoch fehlte mir noch die klare Auslegung hierzu im Wort Gottes. Anlaß meiner Anfrage bei Dr. Roger Liebi, war die Frage einer lieben Schwester, ebenfalls Ex-Pfingstler wie ich, an der die gleiche Frage nagte: „Wo steht im WORT GOTTES eindeutig geschrieben, daß die Dienste der Apostel und Propheten mit dem biblischen Kanon endeten?“

Eph 4,8 Darum heißt es: «Er ist aufgefahren zur Höhe, hat Gefangene gemacht und den Menschen Gaben gegeben.» Eph 4,9 Das [Wort] aber «Er ist aufgefahren», was bedeutet es anderes, als daß er auch zuvor hinabgefahren ist in die untersten Örter der Erde? Eph 4,10 Der hinabgefahren ist, ist derselbe, welcher auch hinaufgefahren ist über alle Himmel, damit er alles erfülle. Eph 4,11 Und Er hat gegeben etliche zu Aposteln, etliche zu Propheten, etliche zu Evangelisten, etliche zu Hirten und Lehrern, Eph 4,12 um die Heiligen zuzurüsten für das Werk des Dienstes, zur Erbauung des Leibes Christi, Eph 4,13 bis daß wir alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen und zum vollkommenen Manne [werden], zum Maße der vollen Größe Christi; Eph 4,14 damit wir nicht mehr Unmündige seien, umhergeworfen und herumgetrieben von jedem Wind der Lehre, durch die Spielerei der Menschen, durch die Schlauheit, mit der sie zum Irrtum verführen, Eph 4,15 sondern [daß wir], wahrhaftig in der Liebe, heran-wachsen in allen Stücken in ihm, der das Haupt ist, Christus, Eph 4,16 von welchem aus der ganze Leib, zusammengefügt und verbunden durch alle Gelenke, die einander Handreichung tun nach dem Maße der Leistungsfähigkeit jedes einzelnen Gliedes, das Wachstum des Leibes vollbringt, zur Auferbauung seiner selbst in Liebe.

Also fragte ich kurzerhand, einer der hervorragendsten Apologeten unserer Zeit, Autor vieler Bücher, (siehe curriculum vitae und homepage hier) Dr. Roger Liebi:

RL

Dr. Roger Liebi

Von: Siegfried Schad | Der Ruf [mailto:kontakt@der-ruf.info]
Gesendet: Dienstag, 7. Oktober 2014 11:51
An: info@rogerliebi.ch
Betreff: Sehr geehrter Herr Dr. Liebi,

Sehr geehrter Herr Dr. Liebi,

[ …] Ich bin von einem ebenfalls ehemalig charismatischen Geschwister gefragt worden, wie man biblisch am besten der Irrlehre des sogg. 5-fältigen Dienstes der in der Charismatik verkündigt wird, begegnen könne und möchte Sie gerne fragen, ob es hierzu einen spezifischen Vortrag von Ihnen gibt.

Mit freundlichen Grüssen und Segenswünschen
Siegfried Schad


Antwort (Dr. Roger Liebi)

[Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Roger Liebi zur Veröffentlichung]

Betreff: AW: Sehr geehrter Herr Dr. Liebi,
Datum: Tue, 7 Oct 2014 12:20:38 +0200
Von: Roger Liebi <info@rogerliebi.ch>
An: ‚Siegfried Schad | Dr Ruf‘ <kontakt@der-ruf.info>

Lieber Bruder Schad

Vielen Dank für die ermutigende Rückmeldung!

Man kann das gut erklären mit Eph 2,20. Die Apostel und Propheten stellen den Fundamentaufbau dar. Die Gemeinde als Gottes Tempel ist darauf aufgebaut. Diesen Dienst haben wir nun in den Schriften des NT für alle Zeit zur Verfügung. Evangelisten, Hirten und Lehrer führen weiter unter ständigem Bezug zu den Schriften der Apostel und Propheten. Aber deren Lehre wurde uns „ein für allemal“ mitgegeben (Judas 3). Das wir nicht mehr wiederholt! Niemand baut am Dach oben nochmals eine Fundamentsteinauflage. Das wäre architektonischer Unsinn. Genau das wollen aber die Charismatiker, die von einer Wiedereinführung der Apostel und Propheten sprechen!

Im meinem Buch der Messias im Tempel erkläre diesen Sachverhalt detailliert so (mit Illustration!):

Die Grundlage der Apostel und Propheten

Der Fundament-Felsen im Allerheiligsten lag drei Finger breit (5,6 cm) höher als der übrige Tempelboden.[1]

Das Niveau der Anhöhe des Fundament-Ecksteines des Allerheiligsten liegt etwas mehr als 3 m über dem ihn umgebenden Felsboden.[2] Wie kann der Talmud aber von einem Höhenunterschied von lediglich einigen Zentimeter sprechen? Auf dem gewachsenen Felsen lagen im Zweiten Tempel Bausteine. Sie bildeten eine massive Festigkeit verleihende Auffüllung von 6 Ellen Höhe (3,15 m).[3] Dies entspricht exakt dem Bauplan des Hesekiel-Tempels, gemäss dem das Boden-Niveau des Tempelhauses auf einer Fundament-Erhöhung von 6 Ellen liegen soll (Hes 41,8). Diese auf dem Fundament-Felsen aufliegende zusätzliche Basis wird im Talmud ’otem genannt, was gemäss der Wortwurzel ’atam[4] soviel wie „solider Verschluss“, „Auffüllung“ bedeutet.

Wenn wir diese architektonischen Eigentümlichkeiten des Tempels in Jerusalem vor Augen haben, können wir einen scheinbaren Widerspruch zwischen 1Kor 3,11 und Eph 2,20 ganz einleuchtend und überzeugend klären. Wie bereits gehabt, bezeugt 1Kor 3,11: Jesus Christus ist das Fundament der Gemeinde. Einen anderen Grund kann niemand legen. Doch in Eph 2,19-22 lesen wir:

„[19] Also seid ihr denn nicht mehr Fremdlinge und ohne Bürgerrecht, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes, [20] aufgebaut auf die Grundlage [themelion] der Apostel und Propheten, indem Jesus Christus selbst Eckstein ist, [21] in welchem der ganze Bau, wohl zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn, [22] in welchem auch ihr mitaufgebaut werdet zu einer Behausung Gottes im Geiste.“

Wie können hier plötzlich doch die Apostel und neutestamentlichen Propheten[5] vom selben Schreiber, der 1Kor 3,11 verfasst hat als „Grundlage“ bezeichnet werden? Man könnte natürlich die Genitiv-Konstruktion „der Apostel und Propheten“ grammatikalisch als genitivus subjectivus[6] auffassen. Dann würde dies bedeuten, dass die Apostel und Propheten als weise Gemeindebauer das Fundament Jesus Christus gelegt haben (vgl. 1Kor 3,10).

Unter Berücksichtigung der baulichen Situation im Tempel zu Jerusalem, können wir nun durchaus den Begriff „die Grundlage der Apostel und Propheten“ mit der 3 m hohen Bodenauffüllung in Verbindung bringen. Das eigentliche Fundament ist der Fels Jesus Christus. Die Apostel und Propheten waren die ersten Bausteine auf diesem Fundament, die denn darauf aufgelegten Mauersteinen als bauliche Basis dienten. Dazu gehörte Petrus und all die anderen Apostel, aber auch all diejnigen Propheten, die neutestamentliche Wahrheiten offenbarten, ohne selber Apostel zu sein (vgl. Markus, Lukas, Jakobus, der Bruder des Herrn und Judas, der Bruder des Jakobus).

Eph 2,19-22 ist von besonderer Bedeutung in Verbindung mit der Bedeutung des neutestamentlichen Kanons als Basis für Glauben und Leben im Christentum. Die Alte Kirche hat nur Bücher offiziell akzeptiert, die von den Aposten Jesu Christi selbst, sowie von Personen, welche die Anerkennung als Propheten von den Aposteln innehatten, als inspirierte, kanonische Schriften offiziell angenommen. Alle anderen Bücher, auch all die vielen, die unter gefälschten Namen kusierten (z.B. Thomas-Evangelium, Petrus-Apokalypse etc.) wurden samt und sonders verworfen. In dieser Tatsache kommt die praktische Bedeutung von Eph 2,20 zum Tragen. Die Lehre der Gemeinde gründet sich auf der apostolischen Lehre des NT, das selber wiederum zu 100% in den Schriften des AT verwurzelt ist. Die Gemeinde braucht keine konziliäre Autoritätsbeschlüsse und neue Offenbarungen neben der Schrift. Die Schrift allein ist ihre Basis, wobei die Schrift ihre Autorität auf dem alleinigen Fels-Fundament Jesus Christus hat.

[1] BT Joma 53b.

[2] RITMEYER: The Temple and the Rock, S. 55.

[3] BT Middoth IV, 6.

[4] Vgl. JASTROW, S. 43.

[5] Man beachte die Reihenfolge: Zuerst werden die Apostel geannt, danach die Propheten. In 2Pet 3,2 findet sich die umgekehrte Reihenfolge. Dort sind mit den vorangestellten Propheten aber die alttestamentlichen Propheten gemeint.

[6] Vgl. HOFFMANN / v. SIEBENTHAL: Griechische Grammatik zum Neuen Testament, SS. 232ff.

Liebe Grüsse im HERRN

Roger Liebi

 

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