Ist Franziskus ein katholischer Gorbatschow? (TOPIC)

(Quelle: TOPIC)

Von 1985 bis Ende 1991 war Michail Gorbatschow zunächst Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und dann Staatspräsident der Sowjetunion. Durch seine Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestrojka (Umbau) brachte Gorbatschow den gesamten Ostblock zum Einsturz.

Für den Bonner Theologen Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher könnte Papst Franziskus zum Gorbatschow der katholischen Kirche werden. Er habe das Zeug, eine ungeheure Implosion, einen inneren Zusammenbruch, oder auch eine große freiheitliche Erweckung der Weltkirche auszulösen. Schirrmacher ist auch Botschafter für Menschenrechte und Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Ev. Allianz (WEA), zu der etwa 600 Millionen Evangelikale gezählt werden. Schirrmacher hat mehrere Bücher geschrieben, in denen er sich kritisch mit der katholischen Theologie auseinandersetzt, so etwa „Der Ablass“ und „Die Apokryphen“.

 

In einem Gespräch mit TOPIC schilderte Schirrmacher, wie es vor Kurzem zu einem unvorstellbaren, fast kirchenhistorischen Ereignis im Vatikan kam. Er, Schirrmacher, WEA-Direktor Geoff Tunnicliffe und WEA-Botschafter Brian C. Stiller seien von Papst Franziskus zu einem privaten Besuch nach Rom eingeladen worden. Schirrmacher: „Ob Sie das glauben oder nicht, da ruft Papst Franziskus, der im Übrigen deutsch spricht, persönlich an und lädt Gäste ein.“ Als die drei WEA-Vertreter am Abend vorher beim Hotel am Vatikan eintreffen, reiben sie sich verdutzt die Augen. Weitere vom Papst geladene Gäste bei dem Papst-Treffen sind Kenneth Copeland, James Robison und John Arnott.

Copeland ist der derzeit prominenteste Vertreter der charismatischen „Wort-des-Glaubens-Bewegung“ und einer der bekanntesten Prediger des Wohlstands-Evangeliums. Robison ist ein amerikanischer TV-Prediger, der zur charismatischen Szene gerechnet wird. John Arnott gilt als einer der Väter des „Toronto-Segens“ und als Extrem-Charismatiker.

Wie Schirrmacher gegenüber TOPIC feststellte, hätten die WEA-Vertreter keinen Einfluss auf die Einladungen gehabt, nicht gewusst, wie das Programm des Tages im Einzelnen aussehen würde und mit wem sie es zu tun bekämen. Sie hätten noch nicht einmal genau gewusst, wer von ihnen bei welchen Teilen des Programms dabei sein werde. Ebenso habe man erst in Rom erfahren, dass auch der weltberühmte USBaptistenpastor Rick Warren zugegen sein sollte, der aber verhindert war. Insbesondere mit Copeland und seinen Mitarbeitern sei es am Rande des Treffens in Rom zu deutlichen Gesprächen über die biblische Lehre von der Dreieinigkeit gekommen, zu der sich Copeland bisher nicht eindeutig bekannte. Man habe hier aber erstaunlicherweise offene Ohren gefunden, und Copeland habe die Dreieinigkeit jetzt explizit auf der Website seiner Gemeinde im Bekenntnis aufgeführt – „alleine schon ein kleiner Erfolg des unerwarteten Zusammentreffens“, so der WEA-Theologe.

Laut Schirrmacher habe der Papst dann mit der charismatischen wie der WEA-Gruppe getrennte und gemeinsame Gespräche geführt. Dabei hätten die WEA-Vertreter den Papst darüber unterrichtet, dass aus höchsten katholischen Kreisen in Deutschland vor der Hilfsaktion „Weihnachten im Schuhkarton“ gewarnt werde. Der Papst stellte der Hilfsaktion als Reaktion eine Empfehlung aus. Ein weiteres Thema sei die Bedrängung der Evangelikalen in Sri Lanka und Palästina gewesen, an der sich katholische Würdenträger beteiligten. Der Papst habe Abhilfe versprochen und sei inzwischen aktiv geworden. Im Mittelpunkt dessen, was die WEA vortrug, standen einerseits das Thema Christenverfolgung, andererseits Aktivitäten, Christen weltweit stärker für das Bibellesen zu gewinnen.

Nach der Schilderung Schirrmachers, der den Papst schon dreimal traf, sei das katholische Oberhaupt in der Rechtfertigungsfrage erstaunlich eng beim evangelischen Verständnis und sehe auch die Rolle der Bibel eher wie die reformatorische Theologie. Dies werde auch in seinen Predigten und Schriften sehr deutlich.

Bei dem vierstündigen Treffen, das im Gästehaus des Papstes stattfand, habe Franziskus plötzlich einen Vorschlag gemacht, der die WEA-Vertreter fast vom Stuhl gehauen habe. Das Oberhaupt der katholischen Kirche schlug vor, in Bezug auf Rechtfertigung und Reformation spontan die gemeinsame Definition der Rechtfertigung, das heißt Artikel 3,15 „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ auf ein Papier zu schreiben und gemeinsam zu unterschreiben. (Doch dazu kam es dann doch nicht.) Diese Erklärung wurde am Reformationstag 1999 von führenden Vertretern des Lutherischen Weltbundes und der katholischen Kirche in Augsburg unterschrieben (s. TOPIC 7/1999). „Wir haben uns gefragt, ob der Papst nicht tatsächlich dieser guten Definition der Rechtfertigung aus Gnade näher steht als Kenneth Copeland“, so Schirrmacher.

Nach Informationen des Bonner Theologen führe der Papst seit geraumer Zeit Gesprächsrunden mit
verschiedenen Flügeln des protestantischen Lagers. Er plane zum Reformationsjubiläum 2017 jedenfalls persönlich eine spektakuläre Geste. Er will eine Erklärung veröffentlichen, die möglichst viele christliche Gruppierungen unterzeichnen sollen. Glaubt man Schirrmacher, so werde die WEA nur nach intensiven Gesprächen und Klärungen unterschreiben. Dass es dem Papst mit seinem Verständnis des Evangeliums ernst ist, beweise auch sein Apostolisches Schreiben „Evangelii gaudium“ vom November 2013, „das nur durch ein Mariengebet am Ende zu einem katholischen Dokument werde“, so der WEA-Theologe. Wie Schirrmacher im TOPIC-Gespräch schilderte, habe der Papst aufgrund seiner Haltung und seines Auftretens viele Feinde im vatikanischen Klerus. So gehe er selbst einkaufen, lehne die Bedienung durch Nonnen ab, fahre keinen Mercedes mehr und lasse sich auch nicht von Bodyguards überall beschützen. Termine mache er selber per Telefon und übergehe dabei den traditionellen Vatikan-Apparat. Bei Messen im Vatikan lade er stets zu Jesus Christus ein und nicht in die katholische Kirche, was Kurienkardinälen immer wieder sauer aufstoße. Zu Schirrmacher habe Franziskus gesagt: Wer eine Umkehr zu Jesus erfahren habe und in Gemeinschaft mit Jesus Christus lebe, sei ein erretteter Christ, auch wenn er nicht zur katholischen Kirche gehöre! Dass Franziskus nicht nur privat diese aus katholischer Sicht höchst pikanten Aussagen trifft, sondern auch offiziell, zeige das genannte Apostolische Schreiben „Evangelii gaudium“. Darin schreibt Franziskus etwa, dass jeder, der das Evangelium glaubt, „unfehlbar“ sei, wenn er das Evangelium an andere weitergebe — also nicht ausschließlich der sogenannte „Heilige Vater“ sei unfehlbar.

Laut der Einschätzung von Schirrmacher habe Franziskus das Zeug, die gesamte katholische Kirche so aufzubrechen wie einst Gorbatschow den Ostblock. Dies könne bedeuten, dass Teile der katholischen Kirche implodieren, aber auch, dass es zu einem gewaltigen Aufbruch komme, vor allem im globalen Süden. Der Papst wisse, dass seine unorthodoxe Art und die entsprechenden Entscheidungen dazu, etwa der kirchliche Ausschluss der Mafia und das Durchgreifen in der Vatikanbank-Affäre, sein Leben gefährden können. Er habe zu den Anwesenden gesagt: „Dann sterbe ich eben für die Wahrheit!“

Sollte Schirrmachers Prognose von tiefgreifenden Veränderungen für die katholische Kirche tatsächlich Wahrheit werden, dann muss darüber nachgedacht werden, was danach kommen kann und welche Rolle der Jesuit Bergoglio alias Papst Franziskus dabei spielte. Will er die durch Skandale bereits erschütterte kath. Kirche retten, von innen heraus reformieren, oder hat er doch ein ganz anderes Fernziel: die kath. Kirche so umzugestalten, dass sie als Führerin einer geeinten Christenheit leichter akzeptiert wird (s. nächster Artikel)?

Schirrmacher, der rund um den Erdball unterwegs ist und Einblick in viele Kirchen und Kirchengremien hat, sieht etwas ganz anderes am christlichen Welt-Horizont heraufziehen. Es sei eine klare Scheidung zwischen den Christen, die wirklich bibeltreu glauben und leben wollen, und denen, die sich an die Unmoral des Zeitgeistes anpassen, zu beobachten. Diese Scheidung sei in fast allen christlichen Ausrichtungen festzustellen, auch in den großen historischen Kirchen, wie der anglikanischen Kirche, die plötzlich weltweit in einen großen bibeltreuen und missionarischen Flügel und einen kleinen liberalen Flügel in einigen westlichen Ländern zerfalle. Ein weiteres Beispiel: Die WEA habe gerade ein Mitgliedswerk ausgeschlossen, weil der Leiter sich für die Homosexuellenehe einsetze. Insgesamt sei die Theologie der WEA dadurch konservativer und fester geworden, beteuert Schirrmacher gegenüber TOPIC. Bei diesem ganzen Prozess werde die WEA nicht nur von ganz unterschiedlichen Gruppierungen eingeladen und angehört, sondern auch sehr ernst genommen.

Schirrmacher: „Ja, wir sind mitten drin und vertreten kompromisslos unsere biblischen Positionen. Selbst auf der Vatikansynode konnten wir vor Papst, Kardinälen und Erzbischöfen vortragen, wie wir ‚Evangelisation‘ verstehen. Im 2. Satz sagten wir dann bereits, dass das Evangelium ausschließlich aus der Heiligen Schrift entnommen werden dürfe, die der oberste Maßstab und Richter in allen Fragen des Glaubens und des Lebens ist.“

TOPIC Nr. 08/2014

 

 

%d Bloggern gefällt das: