Doppelzüngigkeit (Georg Walter)

(Quelle: Georg Walter distomos.blospot.de)

Das Wort doppelzüngig wird definiert als „sich mehreren Personen gegenüber über etwas unterschiedlich äußernd“. Synonyme sind heuchlerisch, unaufrichtig, falsch, scheinheilig, verlogen. Das sind harte Worte, und niemand würde sich gerne der Doppelzüngigkeit bezichtigen lassen. Was unter Weltmenschen verpönt ist, sollte unter Christen überhaupt nicht vorkommen, sollte man meinen, oder wenn, dann allenfalls unter unreifen Neubekehrten.

Die Bibel ist realistischer und weiß darum, dass der alte Mensch immer wieder sein hässliches Gesicht zu zeigen vermag, auch nach Jahren der Bekehrung und selbst in den Dienern, die eine besondere Stellung in der Gemeinde haben und von denen eigentlich eine höhere geistliche Reife erwartet wird. Paulus schreibt an Timotheus in Bezug auf die Einsetzung von Diakonen: „Ebenso die Diakone; ehrbar, nicht doppelzüngig, nicht vielem Wein ergeben, nicht schändlichem Gewinn nachgehend“ (1Tim 3,8). Der Apostel Paulus schrieb unter der Inspiration des Heiligen Geistes und hätte gewiss nicht auf die Schwäche der Doppelzüngigkeit aufmerksam gemacht, wenn es sich um ein überflüssiges Gebot gehandelt hätte. Offenkundig war Doppelzüngigkeit ein Problem schon unter den Urchristen. Und es ist bis heute ein Problem.

 

Folgende Geschichte, die sich so oder ähnlich immer wieder ereignet, ist typisch für doppelzüngige Leiter. Ein Bruder kommt nach dem Gottesdienst zum Pastor und spricht ihn auf falsches Handeln eines Mitbruders an und fordert Konsequenzen. Der Pastor hört geduldig zu und sagt dem Bruder am Ende: „Du hast recht.“ Kurz darauf kommt der betroffene Bruder zu ihm, schildert ihm seine Situation, indem er sie beschönigt und wichtige Einzelheiten unter den Teppich kehrt, um sich in ein besseres Licht zu stellen und sein Handeln zu rechtfertigen. Der Pastor hört geduldig zu und sagt dem Bruder am Ende: „Du hast recht.“ Ein Bruder, der diesen Gesprächen zugehört hat, ging empört auf den Pastor zu und sagte zu ihm: „Du kannst doch in dieser Angelegenheit nicht beiden Brüder recht geben. Du widersprichst dir selbst.“ Der Pastor schaute ihn gelassen an und sagt dem Bruder: „Auch du hast recht.“

Das ist Doppelzüngigkeit – „sich mehreren Personen gegenüber über etwas unterschiedlich äußern.“ Die Motive, die einem solchen Handeln zugrunde liegen, sind unterschiedlich. Leiter sind oft menschengefällig und scheuen sich, anderen die Wahrheit zu sagen. Sie wollen den Menschen mehr gefallen als Gott. Doch Gottes Wort steht gegen ein solches Handeln: „Wenn ich noch Menschen gefiele, so wäre ich Christi Knecht nicht“ (Gal 1,10). Wieder andere Leiter wollen keine Mitglieder verlieren. Einerseits sind sie auf den Zehnten angewiesen, der die Kosten für ein Gebäude oder im Falle eines Pastors das eigene Gehalt sichert, andererseits wollen sie sich mit der Zahl ihrer Gemeindeglieder vor anderen rühmen. Wer redet denn gerne von Verlusten an Gemeindegliedern. Wachstum in Bezug auf die Zahl der Gemeindeglieder ist oft das wichtigste Ziel, das viele Leiter kennen. Viele sind bereit, hierfür jeden Kompromiss einzugehen.

Immer wieder trifft man auf Geschwister, die sich über Doppelzüngigkeit von Leitern beklagen. Doppelzüngigkeit scheint in unseren Tagen fast zu einer Plage geworden zu sein. Wie weise ist doch Gottes Wort, Doppelzüngigkeit beim Namen zu nennen, wissend darum, dass dies auch ein Problem der letzten Tage sein wird. Doppelzüngigkeit ist im Grunde eine Charakterangelegenheit. Doppelzüngige Leiter haben keine Prinzipien. Sie sind stets bereit zu Kompromissen. Welch großer geistlicher Schaden ein solches Handeln nach sich zieht, zeigen die Früchte ihres Handelns oft erst mit der Zeit. Abgesehen davon, dass auf einem solchen Tun Gottes Segen nicht ruhen kann, wird wahre Gemeinschaft zerstört, denn es bilden sich Parteiungen und Spaltungen, und dies in ein und derselben Gemeinde. Spaltungen sind stets ein Zeichen von Fleischlichkeit, zugleich aber die Möglichkeit, dass die Bewährten offenbar werden (1Kor 1,10; 11,18).

Doppelzüngige Leiter reagieren, statt zu agieren. Wenn das eine oder andere Gemeindeglied oder die eine oder andere Gruppierung innerhalb der Gemeinde etwas wünscht, reagiert der Leiter darauf und versucht, es der jeweiligen Person oder Gruppierung recht zu machen. Kommt ein anderes Gemeindeglied oder die andere Gruppierung, reagiert der Leiter ebenfalls und tritt als Beschwichtiger für die unterschiedlichsten Personen und Gruppierungen auf. In vielen Fällen mag dies ein geistliches Handeln sein, wenn die wahre Einheit der Gemeinde bedroht ist. Wenn hingegen grundlegende Prinzipien der geistigen Ausrichtung einer Gemeinde verletzt werden, darf es keine Beschwichtung und schon gar nicht Doppelzüngigkeit geben. Ein fleischlicher Leiter reagiert. Ein geistlicher Leiter hingegen agiert. Er handelt nach Prinzipien und nach Gottes Ordnungen.

Manche Leiter unterschätzen die Gefahr der endzeitlichen Verführung. Selbst der Hinweis im persönlichen Gespräch oder gute aufklärende Literatur wird grundsätzlich gemieden. Fleischliche Leiter wollen sich nicht mit verführerischen Strömungen beschäftigen. Sie ziehen es vor, sich selbst und andere weiterhin zu täuschen, so als wäre alles in Ordnung. Auch hier ist die Bibel mehr als realistisch und warnt mehr als einmal vor Selbsttäuschung.

„Ich halte die Selbsterkenntnis für schwierig und selten, die Selbsttäuschung dagegen für sehr leicht und gewöhnlich.“ Dies ist die Beobachtung des deutschen Philosophen Wilhelm von Humboldt (1767-1835) über die menschliche Natur. Und der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski (1821-1881) kam zu dem Schluss: „Die Selbsttäuschung beherrscht den Menschen noch sicherer als die Lüge.“ Die menschliche Neigung zur Selbsttäuschung war auch dem Apostel Paulus nicht unbekannt. Als er den Galatern schrieb, sie mögen sich vor Selbsttäuschung hüten, wandte er sich nicht an Ungläubige; die Warnung vor Selbsttäuschung richtete sich an den Menschen des Glaubens. „Die Gefahr für den Christen ist die Selbsttäuschung (1Kor 3,18, 1Jo 1,8), die zum Abfall von der rechten Lehre führt. Die oft wiederkehrende Mahnung (täuschet euch nicht selbst) ist daher notwendig (1Kor 6,9; 15,33; Gal 6,7; 2Thes 2,3; Jak 1,16.26). Wer nicht im festen Glauben steht, ist in Gefahr, das rechte Erkennen zu verfehlen, weil Irrlehrer in großer Zahl die Gemeinde bedrohen.“1

Vielleicht scheint dies dem einen oder anderen Christen ein ganz neuer Gedanke, doch das Neue Testament enthält mehrfach Warnungen vor Selbsttäuschung. In manchen Übersetzungen heißt es: „Irrt euch nicht.“ Doch das trifft nicht den Sinn des Griechischen. Irren ist etwas anderes als Selbsttäuschung. Der im Volksmund gebrauchte Ausspruch Irren ist menschlich will zum Ausdruck bringen, dass jeder Mensch fehlbar ist. Sich zu irren, liegt demgemäß in der Natur des Menschen und wird im Allgemeinen eher als Schwäche, denn als Verfehlung angesehen. Selbsttäuschung hingegen liegt in der Verantwortung des Gläubigen. Selbsttäuschung ist letztlich Selbstbetrug, indem sich der Gläubige willentlich von Gottes Wahrheit abwendet. „Das Abirren vom Glauben (1Tim 6,10) oder von der Wahrheit (Jak 5,19), der Irrtum des Herzens (Röm 16,18; Hebr 3,10.13; Jak 1,16) ist Sünde und

Schuld zugleich (vgl. auch 2Thess 2,10).“2

Der Gläubige kann die Verantwortung nicht von sich auf andere, etwa die Irrlehrer, abwälzen. Weder falsche Apostel und Propheten noch falsche Lehrer sind schuld an der Selbsttäuschung eines Christen. Jeder Christ, so er sich falschen Lehren öffnet, wird selbst schuldig vor Gott. Falsche Lehren und Erkenntnisse wiederum bleiben selten nur im Verstand eines Christen verhaftet; sie werden sich in der Regel in seinem Handeln niederschlagen. „Irrlehre als Verführung durch Philosophie und leere Worte und Verführung zu konkreten Sünden gehen dabei Hand in Hand. Dem steht die Wahrheit gegenüber (Jak 5,19f.), die im Glauben an den ergriffen werden muss, der selbst

die Wahrheit ist.“3

Hier mahnt die Schrift die Bereitschaft an, sich von der Wahrheit Gottes überführen, sich von Gott ent-täuschen zu lassen. Wer es vorzieht, in seiner lieb gewonnenen Selbsttäuschung zu verharren, und sich nicht unter Gottes Wahrheit beugt, wird in die Irre gehen. So trifft man mittlerweile auf Versammlungen, die sich als „bibeltreu“ bezeichnen und Kontakte zu charismatischen oder emergenten Kreisen pflegen. Man bedient die Bedürfnisse der eigenen Gemeindeglieder je nach ihrer Vorliebe und ihrem persönlichen Geschmack. Doppelzüngig beschwört man einerseits, man sei bibeltreu, andererseits spielt man die Kontakte oder Einladungen von Sprechern aus der charismatischen oder gar emergenten Szene einfach herunter.

Es sind immer wieder die gleichen Argumente, die doppelzüngige Leiter für ihr Verhalten anführen. Sie wollen nicht als negativ oder kritisch gelten, sie wollen in der „Liebe“ bleiben (sie übersehen, dass die Liebe sich an der Wahrheit freut!), oder sie sagen, Gott habe in seiner Souveränität alles in seiner Hand. Junge Leute, so deren irrige Meinung, brauchen eben charismatischen Lobpreis. Wenn sie älter werden, würden sie erkennen, was guter Lobpreis sei. Für die älteren Geschwister komme jedoch der moderne Lobpreis nicht in Frage, zu seelisch sei dieser. Nur Doppelzünigkeit kann zwei so widersprüchliche Einstellungen vereinen.

Wie aber verhalte ich mich gegenüber doppelzüngigen Leitern? Gottes Wort sagt: „Gehorcht und fügt euch euren Führern! Denn sie wachen über eure Seelen, als solche, die Rechenschaft geben werden“ (Hebräer 13,17). Leiter sind zu respektieren, auch mit ihren Fehlern. Leiter dürfen aber auch in brüderlicher Liebe korrigiert werden. Und letztlich sollten wir nur Leitern folgen, die selbst dem Herrn folgen. Sollten jedoch die schädlichen Einflüsse auf eine Gemeinde ein derart großes Maß annehmen, dass die gesunde Lehre einer Gemeinde auf dem Spiel steht, muss jeder vor seinem Gewissen entscheiden, wann der Punkt gekommen ist, eine solche Gemeinde zu verlassen. Schwache, doppelzüngige und kompromissbereite Leiter können Gemeinden ruinieren, und sie sind es letztlich, die für eine Spaltung verantwortlich sind, und nicht die Geschwister, die dem Herrn und seiner Lehre treu folgen.

Leider lebt der endzeitliche Christ zunehmend nach seinem eigenen Gutdünken, das er doppelzüngig verteidigt. Mose ermahnte das widerspenstige Volk mit diesen Worten: „Ihr dürft es nicht mehr so machen nach allem, wie wir es heute hier tun, dass jeder all das tut, was in seinen Augen recht ist“ (5Mo 12,8). In der Richterzeit sagt Gottes Wort über Israel: „Jeder tat, was recht war in seinen Augen“ (Ri 17,6; 21,25). Erst das Gericht rüttelte Israel auf, um zu seinem Bundesgott und seinem Wort der Wahrheit zurückzukehren, und das zu tun, was recht war in den Augen Gottes. Vor dem Völkergericht kommt das Gericht über die Gemeinde, denn die Schrift lehrt, dass das Gericht beim Hause Gottes beginnt. Möglicherweise sind die heutigen Verirrungen in Lehre und Handeln schon das Zeichen göttlichen Gerichts.

Leiter müssen sich vor Augen halten, dass sie Rechenschaft ablegen müssen für die ihnen anvertraute Herde. Wenn sie einmal vor dem Herrn stehen, wird ihre Doppelzüngigkeit verstummen. Dann zählt nur noch eines: Hat ein Leiter Gott gefallen oder den Menschen. Leiter, die in der Wahrheit wandeln und die Wahrheit reden, mögen nicht immer populär sein bei den Menschen, aber bei Gott sind sie kostbar.

Hermann Bezzel schrieb einmal über seine eigene protestantische Kirche, die sich der Bibelkritik geöffnet hatte: „Über die theologischen Differenzen breitet die große Losung des Gesamtprotestantismus, der gegen alles protestiert, nur nicht gegen sich protestiert, die Fahne des Burgfriedens hin, währenddessen man die 92. Lutherthese vergessen kann, dass all jene Propheten dahinfahren mögen, die zum Volke Christi sprechen: Friede, Friede – und es ist doch kein Friede.“4 Doppelzüngig beschwor man in jenen Tagen die Einheit der Kirche und den Frieden zweier gegensätzlicher Strömungen. Und man hielt die „Fahne des Burgfriedens“ hoch. Prophetisch wie Gottes Wort eben ist, lässt es uns wissen: und es ist doch kein Friede. Doppelzüngigkeit leistet einem falschen Frieden Vorschub. Glücklich die Gemeinde, die Diakone und Älteste hat, die ihren Dienst nach geistlichen Prinzipien und ohne Doppelzüngigkeit verrichten.

Anmerkungen

1 Lothar Coenen (Hrsg.), Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament – Band II, Theologischer Verlag R. Brockhaus, Wuppertal, 1983, S. 1262.

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Hermann Bezzel, Die Heiligkeit Gottes, Kindle, Loc 2052.

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