Durch Kollektiverziehung auf dem Weg zum neuen Menschen (TOPIC)

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Wenn Eltern ihre wenige Monate alten Kinder zur Fremdbetreuung in eine Krippe (von 0 bis 3 Jahren) geben, gehen sie davon aus, dass dort alles Menschenmögliche zum Wohle ihres Babys getan wird. Schließlich greift seit Jahren die Propaganda, ihr Kind sei dort „besser“ aufgehoben als bei Mama und Papa zu Hause. Das Vertrauen in die Krippenqualität ist groß, und die Plätze sind begehrt. Frühförderung, das Lernen zur Einordnung in die aktuelle Gesellschaft, Sprachentwicklung, eben „Bildung von Anfang an“, werden angepriesen, allerdings nicht garantiert.
Politik und Medien sind sich einig: „Die“ Frauen wollen das so. Und wenn eine Studie nicht dieses gewünschte Ergebnis bringt, wird sie einfach nicht veröffentlicht. So, wie die „Studie Mouvement Mondial des Mères“, von der die deutsche Publizistin Birgit Kelle berichtet. Da wurden 2011 mit Unterstützung der EU-Kommission 11.000 Mütter aus 16 europäischen Ländern befragt. Der Focus lag, wohlgemerkt, auf Müttern, nicht, wie sonst üblich, auf Frauen allgemein. Sie ergab, dass sich 61 Prozent aller Mütter voll auf ihre Kinder konzentrieren wollen, bis diese das dritte Lebensjahr vollendet haben. 37 Prozent wollen dies auch darüber hinaus, bis die Kinder das Schulalter erreichen. 70 Prozent aller Mütter wären sogar gern nur in Teilzeit erwerbstätig, bis ihre Kinder das 18. Lebensjahr erreicht haben.
Doch Mütter, die sich für den Hausfrauenberuf entscheiden, weil sie sich für ihre Kinder wenigstens für die ersten Jahre ein Leben in der Geborgenheit einer Familie wünschen, geraten immer stärker unter Rechtfertigungszwang. Die elterliche Kompetenz, ihr Kind „gut fördern“ zu können, wird bezweifelt oder offen verächtlich gemacht. Da erkennt man jene Strategie, die schon das „ABC des Kommunismus“ (1929) zu genau diesem Zweck empfahl: „Die Ansprüche der Eltern, durch die Hauserziehung in die Seele ihrer Kinder ihre eigene Beschränktheit zu legen, werden nicht nur bgelehnt, sondern auch ohne Erbarmen ausgelacht.“
So wird totalitäre Erziehung propagiert. Und zu der gehörte auch früher schon, dass die Risiken von Krippenbetreuung geleugnet oder einfach nicht thematisiert wurden. In den sechziger Jahren wurde der tschechische Psychologe Prof. Dr. Z. Matejcek aufgefordert, als Propaganda-Maßnahme für das sozialistische Regime eine wissenschaftliche Arbeit über die Vorteile von Krippenbetreuung vorzulegen. Als der Professor seine Forschungsarbeiten zu diesem Thema beendet hatte, kam er jedoch zu einem gänzlich unerwarteten Schluss. In seinem Dokumentarfilm „Kinder ohne Liebe“ belegte er, dass „Krippenkinder Defiziten im Bereich geistig-seelischen Erlebens ausgesetzt sind, die bald zu schweren Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen führen können.“ Der Film wurde daraufhin verboten, aber eine in den Westen geschmuggelte Kopie erhielt 1963 auf den Filmfestspielen in Venedig mehrere Auszeichnungen. Daraufhin durfte der Professor seine Arbeit fortführen und – die sozialistische Tschechoslowakei änderte ihre Familienpolitik! Die Wochenkrippen wurden abgeschafft, und Tageskrippen konnten nur unter großen Vorbehalten bestehen bleiben. Denn, so sagt ein Wegbegleiter Matejceks, „vor den Augen der Welt musste das Regime ein menschliches Gesicht zeigen“ und es räumte aufgrund der wissenschaftlich belegten Risiken der Krippenbetreuung der Familie wieder den ersten Platz in der Erziehung ein. Sogar der sozialistische Musterschüler DDR, der „Einrichtungen für Kinder“ schuf, damit „die Frau als Bürgerin und Schaffende ihre Pflichten als Frau und Mutter vereinbaren kann“ – so hieß das in der ersten Verfassung der DDR –, sah sich schließlich zum Umdenken gezwungen, änderte seine Frauen- und Familienpolitik und ließ eine Verkürzung der Kollektiverziehung in der Krippe zu: Ab 1986 galt das einjährige Babyjahr schon bei der Geburt des ersten Kindes, was fast alle Mütter nutzten. Heute dagegen wird, um die Kollektiverziehung möglichst flächendeckend durchzusetzen, das Umfeld entsprechend konstruiert: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird zum Dogma erklärt und durch radikalen Ausbau des Niedriglohnsektors, hohe Besteuerung sowie Deregulierung des Arbeitsmarktes für viele Familien als Notwendigkeit erzwungen.
Obwohl die Warnungen vor den Risiken und Folgen einer zu frühen, zu langen und qualitativ unzureichenden Krippenbetreuung – wie sie in Deutschland gang und gäbe ist – heute auch durch internationale Studien und Experten belegt sind, geht der Krippenausbau zügig voran. Während jedes vom TÜV beanstandete Spielzeug sofort vom Markt genommen wird, um Gefahr für das Kind zu vermeiden, wächst die gesellschaftliche Akzeptanz für die Trennung von Mutter und Kind. Da wundert es dann auch nicht, wenn in den Medien gelegentlich das Wort „Krippenpflicht“ auftaucht. „Die Grenze“, mutmaßt die Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, „ist theoretisch erst dann erreicht, wenn 100 % aller Kleinkinder öffentlich versorgt werden.“ Damit wäre dann das Selbstbestimmungsrecht der Familien vom Staat endgültig untergraben.
Aber ein Ziel dieser Kollektiverziehung wäre erreicht: Die ideologische Prägung der Pädagogik durch Gender Mainstreaming und Neoliberalismus, also die uneingeschränkte Macht der Wirtschaft, könnte endlich für alle Kinder praktisch von Geburt an durchgesetzt werden.
Wenig bekannt ist, dass seit 1999 auch die Krippen-, Kindergarten- und Schulerziehung unter dem
Diktat des Gender Mainstreaming steht. Diese Ideologie wurde ohne parlamentarische Legitimation mit einem Kabinettsbeschluss der Bundesregierung zum „Leitgedanken und zur Querschnittaufgabe“ erhoben und damit allen Bereichen und politischen Entscheidungen übergeordnet. „Gender Mainstreaming“, erklärt Kelle, „geht davon aus, dass nicht unser biologisches Geschlecht relevant ist, sondern unser soziales. Es wird eine Trennung von Körper und Geist propagiert, bei der wir nicht Frau oder Mann sind, weil wir mit diesem Geschlecht biologisch (sex) geboren wurden, sondern das sind, was wir uns anschließend aussuchen (gender).“ Und das bedeutet weit mehr als Gleichstellung von Mann und Frau z. B. bei Lohnforderungen oder als Frauenquote in der Wirtschaft. Nina Degelle, Gender-Theoretikerin an der Universität Freiburg, will die „Entnaturalisierung von Geschlecht programmatisch durchsetzen“ – jede geschlechtliche Variante soll offen ausgelebt werden dürfen. „Gender Mainstreaming will nicht nur die Lage der Menschen ändern, sondern die Menschen selbst“, schreibt René Pfister auf Spiegel Online.
Und wenn eine ganze Gesellschaft auf bestimmte Weise geprägt werden soll, fängt man am besten bei den Kleinsten an. Während in der DDR durch ideologische Früherziehung „sozialistische Persönlichkeiten“ hervorgebracht werden sollten, gilt es heute, den neuen Gendermenschen zu formen. Und das bedeutet wesentlich mehr, als nur auf Gleichstellung von Mann und Frau bedacht zu sein und dafür zu sorgen, dass Jungen auch mal mit Puppen spielen und Mädchen mit Autos: Es geht um sexuelle Früherziehung, um „die Ausbildung sexueller Identität [was nach Maßstab des Gender Mainstreaming neutral und beliebig wähl- und änderbar ist, d.R.], die Ausprägung sexueller Orientierung, die Entwicklung eines sexuellen Habitus“, schreiben die Bildungssoziologin Dr. Ursula Rabe-Kleberg und die Dipl.-Pädagogin Dr. Miriam K. Damrow in der ZeitschriftAus Politik und Zeitgeschichte (22-24/2012). Allerdings weisen sie gleichzeitig darauf hin, dass „es sich um hochkomplexe und zugleich vermischte Prozesse handelt, die weder in ihren Teilen noch in ihrer Gesamtheit auch nur annähernd angemessen erforscht sind“. Im Klartext: Unsere Kinder sollen nach einem Bild völlig beliebiger Geschlechtlichkeit geformt werden, obwohl niemand mit Bestimmtheit sagen kann, welche Folgen das alles für sie einmal haben wird! Der „Ratgeber für Eltern zur kindlichen Sexualerziehung vom 1. bis zum 3. Lebensjahr“ von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nennt es „ein Zeichen der gesunden Entwicklung des Kindes, wenn es sich selbst Lust und Befriedigung verschafft“, und auch die „Zuhilfenahme von Gegenständen zum Zwecke der Masturbation soll nicht verhindert werden“. Zwar wurde dieser Ratgeber nach heftigen Protesten inzwischen zurückgezogen, aber kein Rahmen- und Erziehungsplan kommt ohne Leitlinien für Sexualpädagogik aus. In der Fachzeitschrift kindergarten heute (2/2005) berichtet Christa Wanzeck-Sielert von einem „selbstbestimmten und (sexualitäts-)bejahenden Leben von Kindern“. Dazu gehören nach ihrer Meinung in der Kita ausgelebte Selbstbefriedigung und sexuelle Rollenspiele, um „gemeinsam auf Körperentdeckungsreisen zu gehen“, und sie begrüßt es, wenn „Kinder gegenüber Nacktheit oder körperlicher Nähe Schamgefühle zwecks sexueller Identitätsfindung entwickeln“ und dadurch den „Zugang zur eigenen Körperlichkeit finden“. Sie rät den Erzieherinnen und Erziehern außerdem, auf den „Erfahrungsfundus der eigenen sexuellen Biografie“ zur Unterstützung des sexualpädagogischen Handelns zurückzugreifen.
Der neue Mensch soll nicht nur geschlechtsneutral und für wirklich alles offen sein, sondern auch, oder gerade deshalb – und da erklärt sich die vehemente Unterstützung der Wirtschaft für Krippe und Kindergarten – bindungslos, identitätsberaubt und deshalb leicht verführ- und steuerbar: Der homo oeconomicus (Wirtschaftsmensch) soll ein „Nutzenmaximierer“ sein, gleichzeitig Konsument und Humankapital (laut Duden: Gesamtheit der wirtschaftlich verwertbaren Kenntnisse von Personen) und damit das Ideal für den Neoliberalismus und eine voll durchgeplante marktzentrierte Zukunft. So wurde auch in der Familienpolitik seit 2005 entsprechend einem Gutachten zur Neugestaltung der Familienpolitik vor allem der „ökonomische Ansatz“ umgesetzt, „der die Zukunft der Gesellschaft im Wesentlichen von der Ausschöpfung der Humanressourcen für die ökonomische Entwicklung der Gesellschaft abhängig macht“. Es wird also ein Menschentyp angestrebt, der, wie der Pädagoge und Psychologe Eduard Spranger vor Jahrzehnten definierte, „in allen Lebensbeziehungen den Nützlichkeitswert voranstellt“. Unterstützt wird diese Herangehensweise besonders von der Bertelsmann-Stiftung. Sie nahm z. B. eine „ Bewertung langfristiger Bildungseffekte bei Krippenkindern“ vor, um den „volkswirtschaftlichen Nutzen von frühkindlicher [institutioneller, d. R.] Bildung in Deutschland“ zu belegen. Allerdings ließ sie dabei die materiellen Kosten für die Behandlung entstandener Probleme wie Hyperaktivität, Depression und Aggression völlig außer acht – von den nicht mehr zu reparierenden seelischen Schäden ist sowieso nie die Rede!

TOPIC Nr. 03/2014

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