Die Emerging Church Bewegung – Eine Bewegung, die alles bewegt! (Georg Walter) / „Mehrfrontenkrieg“ (Siegfried Schad)

„Mehrfrontenkrieg“ (Siegfried Schad)

Als ich vor 6 Monaten diesen Blog begann und eine Notwendigkeit sah, die dominionistischen Verführungslehren in einer besonderen Weise herauszustellen, wurde mir zunächst gewahr, wie ich angesichts der Größe des Themas Gefahr lief vor lauter Wald die Bäume nicht mehr zu sehen und die gesamte Thematik zu reduzieren. Durch meinen regelmässigen Austausch mit mehreren amerikanischen und kanadischen Geschwistern fiel mir alsbald auf, dass jeder sein Steckenpferd reitet und den Fokus, wie meine amerikanischen Freunde z.B. auf das Geschehen im Umfeld der charismatischen „Neuen Apostolischen Reformation“ angeleitet durch zahlreiche Protagonisten w.z.B. C. Peter Wagner, Rick Joyner, Cindy Jacobs u.v.m., falsch setzt – und dabei fatale andere Gefahren die z.B. von Rick Warren`s oder Brian McLaren´s Irrlehren ausgehen, leicht unterschätzt. Es ist wirklich überfordernd, denn wir stehen in einem Mehrfrontenkrieg und dürfen nicht nur auf einen Feind sehen.

Das Gemeinsame aller dominionistsichen Lehren ist die falsche Einheit der Kirche und die „weltverbessernden“ politischen Bestrebungen nach einem Mandat in der Welt, – die Ökumene und das irdische Königreich dass es zu errichten gilt. Alle weiteren Facetten sind mehr gewollt als zufällig, wie Martin Erdmann´s Buch „Der Griff zur Macht“ durch die vielfältigen Querverbindungen der Akteure nachweist. Jeder bekommt was nach seiner Facon ist, jede Denomination erhält die Irrlehre nach Ihrem Geschmack und Ihrer Bereitschaft diese zu absorbieren.

Die Schlange hat also mehrere Köpfe?

Gewissermassen, jedoch wie wir sehen können, einen Leib und einen Urheber: Den Satan, den Durcheinanderwerfer, die alte Schlange!

Es wäre viel zu einfach, wenn man eine Verführungswelle einer bestimmten Denomination zuordnen könnte, so dass z.B. Baptisten und Landeskirchen exklusiv anfällig wären für Bill Hybels´Gemeindewachstums-Ideologie oder Rick Warren´s social Gospel und „Leben mit Vision“ – nein, der giftige Cocktail wird zuweilen aus Zutaten gemixt, die auf den ersten Blick gar nicht zusammengehören, gut sichtbar an einem Beispiel aus deutschen Landen: Dem Frankfurter CZF (Christliches Zentrum Frankfurt). War man in den 80ern, hervorgegangen aus der evangelischen Landeskirche und dem charismatischen Aufbruch und den 90er-Jahren noch extrem charismatisch krawallig auf territoriale Befreiung und alle NAR-Ergüsse der Kansas-City-Propheten gebürstet, überwand man in dieser Gemeinde, zu grösster Irritation verbliebener Mitglieder, die massiven Besucherverluste am Anfang der 2000er mit bravem Gemeindewachstums-konzept von Bill Hybels´ Willow-Creek-Gemeinde. Jüngst erscheint man, inklusive dem Hauptpastor zeitgemäss emergenter, nicht nur im Haar gegelt, sondern ganz im Geiste der Kulturarchitekten, des Mystikers Erwin MacManus, mit Aktivitäten wie „Kultur für Alle“ aktuell auf dem neuesten Stand der Dinge. Auffällig ist, dass jeder Hinweis zu dem Ex-Hauptpastor Rudi Pinke, den man vor ca. 12 Jahren zum Apostel aussegnete  und seinem „Apostolischen Netzwerk“ heute auf der Hompegae getilgt hat … das passt womöglich nicht mehr in die neue Kulturlandschaft.

Ebenso reibt sich mancher verwundert die Augen bei der jüngsten heftigen Kontroverse um Rudolf Ebertshäusers Buch „Zerstörerisches Wachstum“, die überwiegend mit Brüdern aus den sogg. „Freien Brüderversammlungen“ herrührt. Was umtreibt Teile der altehrwürdigen Brüderversammlungen, den Verteidigern von Darby´s Lehren, hoch geschätzt für ihren treuen und unverrückbaren Glauben an das Wort Gottes, sich einem Prof. Dr. Johannes Reimer, führendem Kopf der emergenten Gesellschaftstransformationslehre, an die Brust zu werfen?  Hatten nicht geradezu in den Brüderversammlungen über Jahrzehnte die Deiche gegen alle charismatischen Wellen gehalten?

Durchaus Vergleichbares findet man bei konsevativeren Pfingstkirchen vor: Waren dort die Extreme der 3. charismatischen Welle w.z.B. des „Toronto-Segens“ grössenteils abgeprallt, so wenden sich komplette Hauskreise und Gemeinden im Austausch mit der Bibel(!!!), dem Buch „Leben mit einer Vision“ des Saddleback-Mega-Church-Leiters, der mehrheitlich abgeirrten „Southern Baptists“, Rick Warren´s zu.

Der Krieg gegen Häresien jeglicher Coleur wird nicht nur an einer Front geführt, es ist vergleichbar dem ausgerufenen „totalen Krieg“ des Hitler-Regimes, ein Krieg zu Wasser, zu Lande und in der Luft um jeden Quadratzentimer biblischer Wahrheit.

Eine Bewegung die uns zunehmend Sorge machen sollte ist die im nachfolgenden Artikel von Georg Walter beschriebene emergente Welle oder Emerging Church. Ich muss zugeben, dass ich die Gefahr dieser Bewegung mit ihren so offensichtlichen Häresien unterschätzt habe: Charismatischer Irrsinn und Gemeindewachstums-bewegung haben den Boden bereitet für eine Bewegung die einen neuen Maßstab in der Qualität der Zersetzung des Evangeliums Jesus Christi setzt.

 


 

Die Emerging Church Bewegung – Eine Bewegung, die alles bewegt (Georg Walter) (Quelle: Georg Walter distomos.blogspot.de)

Und dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: Dies sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der den Schlüssel Davids hat, der öffnet, und niemand wird schließen, und schließt, und niemand wird öffnen:Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe eine geöffnete Tür vor dir gegeben, die niemand schließen kann; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet…….

Weil du das Wort vom Harren auf mich bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, um die zu versuchen, die auf der Erde wohnen. Ich komme bald. Halte fest, was du hast, damit niemand deinen Siegeskranz nehme!

Offenbarung 3,7-8; 10-11

Wer die neutestamentlichen Briefe aufmerksam studiert, dem wird nicht entgehen, dass die Christenheit des 1. Jahrhunderts von Anbeginn an vielfältig von Irr- und Sonderlehren angefochten war. Paulus warnte die Korinther vor falschen Aposteln und musste ihnen bezeugen, dass sie einen „anderen Jesus und ein anderes Evangelium“ (2Kor 11,4) angenommen hatten. Die Galater waren verzaubert durch judaistische Gesetzeslehrer (Gal 3,1), und auch die Kolosser waren mit gesetzlichen Tendenzen konfrontiert – mit „Verführern, die mit überredenden Worten“ (Kol 2,4) auftraten. Den Kolossern schreibt Paulus: „Seht zu, dass niemand euch einfange durch die Philosophie und leeren Betrug nach der Überlieferung der Menschen, nach den Elementen der Welt und nicht Christus gemäß!“ (Kol 2,8). Die Thessalonicher waren durch prophetische Rede und Briefe unter falschem Namen angefochten, „als ob der Tag des Herrn da wäre“ (2Thess 2,2). An Timotheus schrieb Paulus, die „altweiberhaften Fabeln und ungereimte Streitfragen abzuweisen“ (1Tim 4,7; 2Tim 2,23).

Petrus warnt vor falschen Propheten und vor falscher Lehre (2Petr 2,1) und prophezeit, dass „viele ihren Ausschweifungen nachfolgen werden“ (2Petr 2,2). Johannes warnt in seinem 1. Brief vor antichristlichen, gnostischen Irrlehrern und falschen Propheten, die nicht bekannten, dass Jesus Christus „im Fleisch gekommen“ (1Joh 4,1-3) und der „wahrhaftige Gott“ ist (1Joh 5,20). Judas warnte vor gottlosen Menschen, die sich „heimlich eingeschlichen hatten“ und den „Weg Kains gingen und sich für Lohn dem Irrtum Bileams völlig hingaben“ (Jud 4; 11).

Die 7 Sendschreiben der Offenbarung zeichnen das Bild der Gemeinde am Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus, in welcher nur zwei der sieben Gemeinden – Smyrna und Philadelphia – nicht getadelt werden. Die Epheser hatten zwar die falschen Apostel als Lügner erkannt, aber ihre erste Liebe verlassen (Offb 3,2-4). Pergamon hatte solche, die an „der Lehre Bileams festhielten“ (Offb 3,14), Thyatira ließ das „Weib Isebel gewähren, die sich eine Prophetin nennt“ (Offb 3,20). Schon die Urgemeinde war demzufolge von allen Seiten durch falsche Lehre bedrängt, und es gelang ihr nicht immer, die ein für allemal überlieferte Glaubenslehre rein zu erhalten.

Man könnte angesichts dieses düsteren Bildes leicht den Mut verlieren und zu dem Schluss kommen, dass falsche Lehre so übermächtig ist, dass es nur wenigen Gemeinden gelingt, an der reinen apostolischen Lehre, am biblischen Evangelium festzuhalten. Doch wir sollten unseren Blick nicht auf die Schwächen der Gemeinde richten, sondern auf den Herrn der Gemeinde, der „alle Dinge durch das Wort seiner Macht trägt“ (Hebr 1,3) und der „unsere Herzen und unsere Gedanken zu bewahren vermag in Christus Jesus“ (Phil 4,7). Gott ist größer als alle Irrlehrer und falschen Propheten. Dass die Gemeinde Jesu noch heute besteht, ist Zeugnis für die Allmacht Gottes.

Die Emerging Church Bewegung ist eine relativ junge Bewegung, die in den 1990er Jahren in den USA entstanden ist. Der Begriff Emerging Church kommt aus dem Englischen und setzt sich aus den beiden Worten „Emerging“ – im Entstehen sein, sich herausbilden, hervortreten – und „Church“ – Kirche oder Gemeinde – zusammen. Die Emerging Church in ihrem Selbstbild sieht sich allerdings nicht als eine neue Bewegung. Sie will keine neue Kirche oder Denomination schaffen, sondern im Dialog (emergent conversation) mit allen Christen stehen. Sie ist im Fluss und meidet theologische Festlegungen. Ihre Vertreter suchen nach neuen Wegen, wie man dem postmodernen Menschen das Evangelium nahebringen kann. Sie verstehen sich selbst als „postmoderne Christen“, die ihr Christsein in der Postmoderne leben wollen. Während der Begriff Emerging Church im Deutschen in der Regel übernommen wurde, trifft man vielfach auch auf das eingedeutschte Adjektiv „emergent“, um Dinge und Eigenschaften zu beschreiben, die der Emerging Church zuzuordnen sind. Zum Beispiel, von „emergenten“ Einflüssen zu sprechen bedeutet, dass es sich um Einflüsse handelt, die das Gedankengut der Emerging Church ganz oder teilweise widerspiegeln. Von „emergenten“ Vertretern zu sprechen bedeutet, dass es sich um Personen handelt, die für die Philosophie der Emerging Church stehen.

In der Kirchengeschichte gab es im Wesentlichen zwei Arten von Bewegungen. Erstens, es entstanden Bewegungen, die eine neue Kirche oder Denomination hervorbrachten wie beispielsweise die Methodistische Kirche, die auf die von John Wesley begründete methodistische Tradition zurückging. Zweitens, die Kirchengeschichte zeigt außerdem, dass Bewegungen existierten oder noch existieren, deren Gedankengut alle Kirchen und Denominationen mehr oder minder stark beeinflussten. Die Heiligungsbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist ein Beispiel einer solchen Strömung ebenso wie die charismatische Bewegung, die in den 1950er Jahren ihren Anfang nahm. Letztere Bewegung breitete sich sehr schnell in allen Kirchen und Denominationen aus. Innerhalb von nur wenigen Jahren konnte man charismatische Katholiken, charismatische Protestanten, charismatische Methodisten, charismatische Baptisten, usw. antreffen. Eine solche Bewegung, die mit ihrem Gedankengut in allen Kirchen und Denominationen Anklang findet, ist die Emerging Church-Strömung.

Heute gibt es emergente Katholiken,1 emergente Pfingstler,2 emergente Baptisten – Zach Roberts, ein emergenter Baptist schrieb ein Buch mit dem Titel Baptimergent,3 emergente Methodisten – Jay Voorhees, ein emergenter Methodist schrieb einen Artikel mit dem Titel What does it mean to be Methomergent (Was bedeutet es, ein emergenter Methodist zu sein),4 ein weiterer emergenter Methodist nennt seine Internetseite The New Methodists – about being United Methodist, missional, emergent (Die Neuen Methodisten – wie man Methodist, missional, emergent ist).5 Es gibt emergente Anabaptisten,6 emergente Mennoniten,7 emergente Presbyterianer, die sich natürlich „Presbymergents“ nennen,8 emergente Lutheraner, die „Luthermergents“,9 usw, usw. Die Emerging Church Bewegung ist eine Bewegung, von welcher man wahrhaft sagen kann, dass sie alles bewegen.

Die Emerging Church Bewegung, die sich eher als Netzwerk des Dialogs versteht, ist äußerst vielschichtig, komplex, differenziert, oftmals nicht scharf abgrenzbar. Das Spektrum dieser Bewegung ist so breit, dass es einen moderaten Flügel bis hin zu einem radikalen Flügel umspannt. Die moderate Strömung mag nach außen hin wie eine traditionelle evangelikale Gemeinde erscheinen, übernimmt indessen teilweise das emergente Gedankengut, um dem postmodernen Menschen das Evangelium in einer „relevanten“ Weise nahezubringen. Der radikale Flügel hingegen stellt traditionelle Gemeindekonzepte offen in Frage, hinterfragt althergebrachte Gottesdienstformen, lehnt absolute Wahrheiten ab und betont Erfahrung und Gefühl. Gerade weil die Emerging Church Bewegung so vielschichtig ist, wird nicht jede Kritik auf alle Teile dieser Bewegung zutreffen. Dennoch gibt es grundlegende Paradigmen (Denkweisen), die mehr oder weniger ausgeprägt in der ganzen Bewegung anzutreffen sind.

Einige dieser Paradigmen sollen an dieser Stelle angeführt werden. Doch zunächst sind die durchaus berechtigten Anliegen der Emerging Church-Bewegung erwähnenswert. Hierzu zählen:

1. Wie erreicht die postmoderne Gemeinde den postmodernen Menschen

Die Emerging Church-Bewegung will Menschen – vor allem die junge, kirchenferne Generation – für das Evangelium erreichen. Sie ist der Überzeugung, dass die traditionellen Formen wie Großevangelisationen oder der sucherfreundliche, pragmatische Ansatz, wie er bspw. von Willow Creek vertreten wird, dem postmodernen Menschen nicht mehr gerecht wird.

2. Wie lebt der postmoderne Christ ein wahrhaftiges Christsein

Die Emerging Church-Bewegung will „authentisch“ sein – ein oft wiederkehrendes Schlagwort dieser Bewegung. Dieses Anliegen ist durchaus berechtigt und unbedingt biblisch – das „Evangelium in Wort und Tat“ ausleben.

3. Wie wirkt sich die Postmoderne auf den Menschen aus

Die Emerging Church-Bewegung will die postmoderne Gesellschaft verstehen und Rückschlüsse auf ihr Gemeinde- und Missionsverständnis ziehen. Sie will für andere Menschen „relevant“ – also „bedeutungsvoll“ – sein. Im Zuge dieses Anliegens öffnet sich die Emerging Church der postmodernen Kultur und übernimmt sie mehr oder minder stark.

Diese durchaus berechtigten Anliegen weisen gleichwohl darauf hin, dass die Emerging Church-Bewegung in mancher Hinsicht eine Protestbewegung ist. Ihre Vertreter, die nicht selten aus konservativ-evangelikalen Kreisen kommen, wollen „authentischer“, „relevanter“ und „missionarisch effektiver“ sein als ihre Glaubensgenossen aus traditionellen Gemeinden und Kirchen. Ob die Antworten, welche die Emerging Church-Bewegung auf die drängenden Aufgaben der Gemeinde von heute gibt, dienlich und vor allen Dingen schriftgemäß sind, soll im Folgenden beleuchtet werden.

Wie oben bereits erwähnt, weist die Emerging Church eine weite Vielschichtigkeit auf. Um die Hauptmerkmale der Emerging Church besser zu verstehen, soll diese vor allem in ihrer radikalen Ausprägung charakterisiert werden. Da diese Beschreibung folglich nicht auf alle Teile der Bewegung immer im ganzen Umfang zutreffen wird, macht sie dennoch die Grundproblematik der Bewegung deutlich und weist auf die Gefahren hin, die eine auch nur moderate Befürwortung des emergenten Gedankenguts mit sich bringen kann – „ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig“ (Gal 5,9). Hierzu sollen Vertreter der Bewegung selbst zu Wort kommen. Im Lichte biblischer Grundsätze soll dieses Selbstzeugnis emergenter Vertreter bewertet werden.

 

Merkmale der Emerging Church Bewegung

1. Sichtweise der „Postmoderne“

Vor der Aufklärung im 17. Jahrhundert, also in der Zeit vor der Moderne, war das vorherrschende Weltbild im christlich-jüdischen Kulturkreis von der Erkenntnis bestimmt, dass ein allmächtiger und allwissender Schöpfergott existiert, der sich den Menschen durch die Heilige Schrift mitgeteilt hat. Alle Erkenntnis begann mit Gott, dem Schöpfer, und nicht mit dem Ich des Geschöpfes.

Mit der Aufklärung, also dem Anbruch der Epoche der Moderne, setzte sich das Motto des französischen Philosophen und Naturwissenschaftlers René Descartes (1596-1650) „Ich denke, also bin ich“ durch; „Statt wie die vormoderne Epistemologie [Erkenntnislehre] mit Gott zu beginnen, sah die moderne Erkenntnistheorie ihren Ausgangspunkt in dem endlichen »ich«… Vielleicht lernen Menschen Dinge noch immer aufgrund von Offenbarung … irgendeine kleine Teilmenge von dem, was Gott bereits vollkommen und vollständig weiß. Doch dies muss nicht mehr so sein. Wir sind nicht länger auf Gott angewiesen, was unser gesamtes Wissen angeht.“10 Das rationale Denken des Menschen war von nun an die Grundlage aller Erkenntnis.

Die Zeit der Postmoderne, die etwa mit den 1960er Jahren ihren Anfang nahm, bleibt in ihrer Erkenntnislehre in der Moderne verhaftet und beginnt ebenfalls mit dem endlichen Ich. Die Schlussfolgerungen, die postmoderne Menschen ziehen, fallen allerdings ganz unterschiedlich aus. „Da sich jedes »Ich« von jedem anderen »Ich« unterscheidet, muss der Standpunkt jeweils anders sein. Diesbezüglich kann man auch den Einzelnen zurücktreten lassen und mehr die kulturell eigenständige Volksgruppe betonen: Immerhin gehört jedes einzelne »Ich« einer abgegrenzten Kultur an, die jeweils über eine spezielle Menge an Grundannahmen, Werten, Denkstrukturen, Sprachgebräuchen und dergleichen verfügt. Wenn eine Gruppe oder Kultur bzw. jeder andere identifizierbare Personenkreis Dinge betrachtet, unterscheidet sich dies immer ein wenig von der Anschauungsweise der Menschen in anderen Kulturen.“11

Die Postmoderne ist die Zeit nach der Moderne. Während die Moderne vom Rationalismus, menschlicher Vernunft und absoluten Aussagen (z. B. bindende biblische Lehraussagen) charakterisiert ist, hinterfragt die Postmoderne den Fortschrittsglauben und absolute Autorität. Folglich muss der Christ von heute aus Sicht der emergenten Vertreter der postmodernen Denkweise Rechnung tragen, um den postmodernen Menschen zu erreichen. Aus der Sicht eines der bekanntesten und populärsten Vertreter der Emerging Church, Brian McLaren, betrachtet der postmoderne Mensch in unserer Zeit das Christentum von heute als „Erscheinung der Moderne“, das in der „entstehenden Welt (emerging world) keine Bedeutung mehr haben werde“, und weil dies so ist, müssen die Christen von heute aus McLarens Perspektive folglich die „unheilige Allianz mit der Moderne“ aufgeben.12

Wie sieht der Bruch mit der „unheiligen Allianz mit der Moderne“ aus? Dies führt zum zweiten Punkt.

2. Dekonstruktion von Wahrheit

Dekonstruktion von Wahrheit ist das Hinterfragen von Aussagen. Objektives Wissen ist aus Sicht des postmodernen Christen gar nicht möglich und nicht einmal unbedingt erstrebenswert. Daniel Hufeisen schreibt auf dem Blog ZEITGEIST: „Die dekonstruktivistische Haltung drückt sich darin aus, dass der jeweils vorliegende Text äußerst genau betrachtet wird. Dabei gilt jedoch das besondere Augenmerk nicht dem, was gesagt, sondern vielmehr dem was nicht gesagt wurde. Grundlegend für diese Haltung ist die Annahme einer Vielzahl von Perspektiven und Aussagerichtungen innerhalb eines Textes. Der Text hat demnach nicht nur eine einzige mögliche Aussage und besteht nicht nur aus einer These…“13 Auf diese Weise gewinnen alte Texte „neue weitere und tiefere Dimensionen“ und es entsteht die „Möglichkeit, tiefer zu blicken.“14

Andrew Perriman beispielsweise glaubt nicht, dass die „solas“ der Reformation – allein durch Glauben, allein durch Gnade, allein die Schrift, allein Christus – in der postmodernen Evangelisation noch relevant sind und erläutert: „Teil der Antwort, so glaube ich, findet man dann, wenn man die dicke Schicht der dogmatischen Reinterpretation, die mit der Zeit entstanden ist, abkratzt und es lernt, den biblischen Bericht neu zu erzählen.“15 Perriman plädiert für eine „vom Heiligen Geist inspirierte Erneuerung der Imagination [Vorstellungskraft] auf der Grundlage von Gemeinschaft.“16

In diesem Prozess, in welchem man die „dicke Schicht der dogmatischen Reinterpretation abkratzt“ und durch eine „vom Heiligen Geist inspirierte Erneuerung“ zur Wahrheit vordringt, kann man von traditionellen christlichen Bekenntnissen und Lehraussagen wenig lernen. Lernen hingegen kann man von allen christlichen Traditionen. Der emergente Baptist Mike Gregg rät dazu, auf ökumenische Vorbilder zurückzugreifen: „Geht es um ein Thema, das heiliger ist und dem Taizé-Stil nachempfunden werden soll, ist eine kleinere Kapelle mit Stühlen anstatt Kirchenbänken hilfreich… Die Gemeinschaft vonTaizé ist eine ökumenische Ordensgemeinschaft, deren Gottesdienste Gesänge, Ikonen, Meditationen und Schriftlesungen beinhalten. Der Gottesdienst von Taizé stellt Gebet und Musik stärker in den Mittelpunkt als die Predigt – in einem traditionell protestantischen Sinne.“17

Luther und die anderen Reformatoren betrachteten die Bilderverehrung (Ikonen) als Götzendienst. Sie reformierten den Kirchengesang, der für sie die Wahrheit des Evangeliums ins Zentrum rücken sollte, anstatt die Seele in einer mystischen Weise anzusprechen, wie die gregorianischen Gesänge es taten, die überdies für die wenigsten verständlich waren, da sie in Latein gesungen wurden. Lieder waren für die Reformatoren gesungene Predigten. Und schließlich verurteilten die Reformatoren jegliches schwärmerisch-meditatives Christentum, das die katholische Kirche über Jahrhunderte gepflegt hatte. Stattdessen wurde die Verkündigung der Heiligen Schrift zum Mittelpunkt des Christen- und Gemeindelebens erhoben.

Die emergenten Erben der Reformation, und dazu gehören die Baptisten als eine der vielen protestantischen Strömungen, verschachern ihr protestantisches Erbe für das Linsengericht mystischer Erfahrungen. Aus Sola Scriptura wird Sola Experientia (allein die Erfahrung). Solus Christus (allein Christus) als ausschließlicher und einziger Weg zum Heil kann man dem postmodernen Menschen mit seinem pluralistischen Denken nicht weiter zumuten, so das Credo der Emerging Church. Exklusivismus – es gibt nur einen Heilsweg – ist out, Inklusivismus – Gott kann man in allen Religionen erfahren – ist in.

Das Petruswort „Und es ist in keinem anderen das Heil; denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, in dem wir gerettet werden sollen!“ (Apg 4,12) hat in der Postmoderne seine Bedeutung verloren.

 

3. Erfahrung statt Lehre

Viele Vertreter der Emerging Church werben für mystische Erfahrungen, die nach ihrer Auffassung Einheit in einer Gemeinschaft zu schaffen vermag. Auf Lehre gegründete Aussagen führen lediglich zu Spaltungen und nehmen folglich nur einen untergeordneten Stellenwert ein. Leonard Sweet beispielsweise empfiehlt „eine christliche Lebensweise und Verkündigung, die vom Akronym EPIC [Akronym: Kurzwort aus Anfangsbuchstaben mehrerer Wörter] gekennzeichnet ist: Wir müssten uns auf das Erfahrungsmäßige (E für Experiential), die Beteiligung (P für Participatory), die Bildorientierung (I für Image-driven) und die Verbundenheit untereinander (C für Connected) konzentrieren.“18

In dem Buch Die jungen Wilden – Storys über Jugendkirchen, Emerging Churches und Gemeindegründer schreibt Mark Reichmann (Kubik-Gemeinschaft Karlsruhe), dass er in seinem Bekanntenkreis Offenheit für den Glauben sowie die Suche nach spirituellen Erfahrungen beobachtete, jedoch zu dem Urteil kommen musste: „Allerdings konnten moderne, auf Wissensvermittlung und Lehre ausgerichtete Gemeinden diesem Hunger nicht begegnen.“19 Da also die Antwort auf spirituellen Hunger nicht in der Lehre der Bibel besteht, muss eine postmodern-emergente Lösung her. Das Prinzip EPIC wird in der postmodernen Gemeinde wie folgt realisiert: „Es war uns wichtig, Räume auch äußerlich als geistlichen Erlebnisraum zu gestalten und eine Atmosphäre zu schaffen, in der man sich wohl fühlen konnte… [wir] ließen die Rollläden herunter und dimmten die Beleuchtung. Schwarzlicht ließ die langen weißen Stoffvorhänge an den Fenstern blau glimmend leuchten. Ein Overheadprojektor… warf ein Bild an die Wand, das zum Thema des Abends passte.“20 Der Lobpreis war „multimedial ausgerichtet“ und „sprach alle Sinne“ an. Gottesdienstbesucher konnten das „Gehörte interaktiv erleben“, „verschiedene Stationen“ beispielsweise verhelfen dazu, sich „in den Garten Gottes zu versetzen“; verschiedene Obstsorten können vom Gottesdienstbesucher gegessen werden, während man für ihn betet – ein „Symbol für Segen“. Andere Gottesdienstbesucher wiederum legten sich mit geschlossenen Augen auf den Boden und hörten einfach der Predigt zu. Nach dem Gottesdienst kann man tief bis in die Nacht bei Kaffee oder Bionade zusammensitzen und sich unterhalten.

Manche Gemeinden verwenden Ikonen, über die sie meditieren. Sie verbrennen Weihrauch und zünden Kerzen an. Mit dieser Ausrichtung auf alle Sinne geht eine neue Offenheit für die katholische Mystik einher.

Der Protestant Karl Heim schrieb schon 1925: „.. mystische Rauschzustände kann man gemeinsam haben unter einer Massensuggestion, aber Wahrheitserkenntnisse und Gewissenserfahrungen sind einsame Erlebnisse. Alles, was ich unter der Suggestion eines Menschen glaube und erlebe, das ist gerade kein Erlebnis mit Gott. Wir können nur durch einen klaren geistigen Akt zu Gott kommen, … nicht durch untergeistige Rauschzustände. Alle klaren, geistigen Akte lassen sich im Wort aussprechen und entstehen durchs Wort. Wir finden also Gott nur durch das Wort und ein geistiges Vernehmen des Worts, nicht durch wortlose und wortfremde Unendlichkeitsmystik… Immer, wenn wir die großen Vertreter und Vertreterinnen der katholischen Frömmigkeit betrachten, die den höchsten Gipfel der Ekstase erklommen, stehen wir vor dem letzten Entweder Oder, um das sich der Kampf der Religionen in der ganzen Religionsgeschichte dreht. Entweder der himmlische Rausch, den diese Persönlichkeiten erreicht haben, ist wirklich eine Berührung mit Gott. Oder aber wir können Gott nur in einem einsamen geistigen Akt finden, also in nüchterner Klarheit. Jeder von uns steht vor diesem Entweder Oder und muss sich entweder für die eine oder für die andere Auffassung entscheiden. Davon hängt dann unsere, Stellung zur katholischen und protestantischen Frömmigkeit, ja unsere ganze Weltanschauung ab.“21

4. Absage an die Autorität und Irrtumslosigkeit der Schrift

Brian McLaren, einer der populärsten Vertreter der Emerging Church, schreibt in seinem Buch A New Kind of Christian (Eine neue Art von Christ), dass die Bibel nicht länger als irrtumslos und autoritativ betrachtet werden kann. Die Botschaft der postmodernen Kirche muss Bild-orientiert (image-driven) und nicht Schrift-orientiert (Word-driven) sein. Im Vorwort des emergenten Buches The Emerging Church: Vintage Christianity for New Generations von Dan Kimbal schreibt Rick Warren: „Die Suchenden von heute sind hungrig nach Symbolen und Metaphern [Bildern] und Erfahrungen und Geschichten, die die Größe Gottes offenbaren“22 und fördert damit die Abkehr von der Zentralität des Wortes Gottes. Damit verbunden ist ferner die Absage an traditionelle christliche Werte und Lehren.

Über die Heilige Schrift schreibt Brian McLaren in seinem Buch A New Kind of Christianity: „Die Bibel ist nicht als eine exakte, absolute, autoritative oder höchste Quelle zu betrachten, sondern als ein Buch, das man erfahren kann, und die Erfahrung einer Person kann ebenso gültig sein wie die Erfahrung einer anderen Person. Die Bibel muss mit Erfahrung, Dialog, Gefühle und Zwiesprache in Verbindung gebracht werden, während Gewissheit, Autorität und Lehre mit Blick auf die Schrift gemieden werden müssen! Keine Lehren sind absolut, und Wahrheit oder Lehre darf ausschließlich durch persönliche Erfahrungen, Traditionen, historische Perspektiven betrachtet werden, usw. Die Bibel ist kein Buch, das Antworten vermittelt.“23

Dies steht in krassem Widerspruch zum Selbstzeugnis der Schrift:

„Die Summe deines Wortes ist Wahrheit, und jede Bestimmung deiner Gerechtigkeit bleibt ewiglich.“ (Ps 119,160)

„Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet.“ (2Tim 3,16-17)

Wenn der Mensch sich keiner Führung mehr unterwirft, auf die er sich verlassen kann, muss er sich letztlich auf sich selbst verlassen – auf seine Erkenntnisse, seine Eingebungen und seine Gefühle. Dann wird der Mensch nicht mehr von Gott und Gottes Wort geleitet, sondern von menschlichen Prinzipien gelenkt. Ganz gleich wie fromm diese nach außen aussehen mögen, wohin ein solcher Weg führen mag, zeigt der nächste Punkt.

5. Abkehr von traditionellen christlichen Werten und Lehren

Tony Jones, bekannter Autor, Blogger und Sprecher der Emerging Church-Szene, war es, der bei Twitter im Internet die Botschaft versandte: „Gott ist treu. Ja, Sie ist es.“ Gott ist also eine Frau – oder zumindest auch eine Frau. Auf seinem Internet-Blog schrieb Tony Jones am 11. Juli 2011 zum Thema Sexualität: „Ich weiß auch, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben Christen getroffen habe, die sich in ‚offenen‘ Ehen bewegen oder die mehr als eine intime Beziehung pflegen (practicing polyamory) – und meine theologisch/ethische Antwort an sie soll sowohl christlich als auch pragmatisch/realistisch sein.“24 „Auf jeden Fall glaube ich, dass GLBTQ [Gay Lesbian Bisexual Transgender Queer] ein Leben in Übereinstimmung mit dem biblischen Christentum führen können (zumindest so, wie wir alle es können!) und dass ihre Monogamie von Kirche und Staat anerkannt und gesegnet werden kann und sollte.“25

Brian McLaren bezeichnete die Lehre über die Hölle und das Kreuz als „falsche Werbung für Gott“ (false advertising for God).26 Und über die Sintflut als Gottesgericht schreibt McLaren: „… einem Gott Glauben zu schenken, der auf übernatürliche Weise eine internationale Katastrophe herbeiführt, die zu einem Völkermord nie dagewesenen Ausmaßes führt, ist kaum möglich, und noch weniger möglich ist es, einen solchen Gott anzubeten. Wie können Sie ihre Kinder bitten – oder kirchenferne Kollegen oder Nachbarn -, einen Gott anzubeten, der so wenig Kreativität besitzt, der so überreagiert und so äußerst unberechenbar ist, was das Leben angeht?“27

Gewiss sind dies extreme Ansichten von Vertretern der Emerging Church. Dennoch zeigen diese Zitate, zu welchen Schlussfolgerungen das postmoderne Denken von emergenten Vertretern führen kann. Im Grunde handelt es sich nicht nur um eine Abkehr, sondern um den offenen Abfall von Gottes Wort.

6. Kontextualisierung

Kontextualisierung ist die Anpassung der Botschaft des Evangeliums an das jeweilige sozio-kulturelle Umfeld. Viele Vertreter der Emerging Church argumentieren, dass alle theologische Lehre zu allen Zeiten als Produkt ihrer jeweiligen Kultur, ihres sozialen Umfelds und ihrer Tradition zu betrachten ist. Daraus lässt sich folgern, dass auch unsere Lehre (bspw. hier in Westeuropa) durch unsere (westeuropäische) Kultur geprägt ist. Traditionelle Lehren als auch die Texte der Bibel müssen in unserer modernen Kultur hinterfragt (Dekonstruktion) und neu gedeutet werden (Rekonstruktion). Tobias Faix beispielsweise erläutert: „Emerging Church ist der Versuch einer Kontextualisierung des Evangeliums in das örtliche Milieu.“28

Stephen B. Evans definiert kontextuelle Theologie in seinem Buch Models of Contextual Theology: „… eine Art und Weise, Theologie zu betreiben, in welcher man berücksichtigt: den Geist und die Botschaft des Evangeliums; die Tradition der Christen; die Kultur, in welcher man Theologie betreibt; und der soziale Wandel in dieser Kultur, sei er nun durch den technologischen Fortschritt des Westens verursacht oder durch eine Grasswurzelbewegung, die sich für Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit einsetzt.“29

Dean Flemming, Dozent für Neues Testament am European Nazarene College in Deutschland und Autor des Buches Contextualization in the New Testament (Kontextualisation im Neuen Testament), verteidigt die kontextuelle Theologie mit folgenden Worten: „Jede Gemeinde an jedem Ort und zu jeder Zeit muss lernen, Theologie auf eine Weise zu betreiben, die für ihre Zuhörer Sinn macht und sie in ihrem tiefsten Inneren herausfordert. Tatsächlich kommen die vielversprechendsten Diskussionen über Kontextualisierung heute (ob sie als solche anerkannt werden oder nicht) von den Kirchen im Westen; diese entdecken neue Wege, wie man das Evangelium für eine entstehende postmoderne Kultur weitergibt.“30

Die Bibel ist demnach nicht mehr die ewig-gültige Offenbarung Gottes, der sich durch das Wort an den Menschen richtet, oder anders ausgedrückt, die Bibel sagt nicht, was sie meint und meint nicht, was sie sagt. Wir können die wahre Bedeutung der Aussagen der Bibel mit dem Verstand alleine nicht erfassen, sondern nur unter Zuhilfenahme der Intuition und Imagination verstehen. Tim Keel beispielsweise erklärt: „Wir nahmen die Welt des Geistes, der Schrift, der Schöpfung selbst und unterjochten sie unter den westlichen, wissenschaftlichen Rationalismus.“31 Keel schlägt vor, die rechte Gehirnhälfte, den Sitz der Intuition, Kreativität, Emotion, zu trainieren, um durch mystische Erfahrungen die Realität Gottes zu erleben.32 Die Grenzen zum New Age oder zu den östlichen Religionsphilosophien sind fließend. Damit wird einem Relativismus, der biblische Wahrheiten in klaren Lehraussagen verneint, Tür und Tor geöffnet.

Wohin die Kontextualisierung führt, zeigt das Beispiel der Übersetzung der Bibel im arabischen Kulturkreis. Die Pakistanische Bibelgesellschaft (Pakistan Bible Society) kündigte die Partnerschaft mit dem Summer Institute of Linguistics33 (SIL; Linguistisches Sommerinstitut) Anfang 2012 auf. Das Linguistische Sommerinstitut ist eng mit den Wycliff-Bibelübersetzern verbunden und übersetzt die Bibel in Minderheitensprachen. Grund für die Trennung war die Kontroverse um die „kontextualisierte“ Bibelübertragung in die pakistanische Landessprache. Die Presbyterianische Kirche Pakistans hatte sich am 8. Februar 2012 öffentlich von SIL und Wycliffe Bible Translators distanziert, weil die beiden Organisationen den ursprünglichen Text der Bibel dahingehend veränderten, dass Moslems „keinen Anstoß mehr daran nehmen“. Dies hatte zur Folge, dass die trinitarischen Begriffe wie „Gott, der Vater“ und „Sohn Gottes“ nicht mehr in ihrer jeweiligen biblischen Bedeutung übersetzt wurden. Ferner wurde neben der Lehre der Trinität auch die Lehre der Inkarnation des Gottessohnes verwässert. Die große Gefahr einer solchen Vorgehensweise liegt darin, dass der moslemische Leser einer solchen (Fehl-)Übersetzung, sofern er sich zum „Christentum“ bekehren sollte, wohl kaum den biblisch-trinitarischen Glauben annimmt.

Wycliffe Bible Translators beispielsweise veröffentlichte eine arabische Übersetzung mit dem Titel Stories of the Prophets, in welcher das Wort „Vater“ durch das arabische Wort „Herr“ und das Wort „Sohn“ durch das arabische Äquivalent von „Messias“ ersetzt wurde. Das Summer Institute of Linguistics ging noch einen Schritt weiter und ersetzte in seinen arabischen Übersetzungen das Wort „Vater“ mit „Allah“ und entfernte den Begriff „Sohn“ vollständig oder definierte ihn neu. Der Missionsbefehl lautet dann so: „Reinige sie durch das Wasser im Namen Allahs, seines Messias (Gesalbten) und seines Heiligen Geistes“ (Mt 28,19) anstatt „tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“34

Bibelübersetzer sollten Gottes Wort nicht „kontextualisieren“, sondern die Bibel so wortgetreu wie möglich in die jeweilige Landessprache übersetzen, damit die ursprüngliche Bedeutung der hebräischen und griechischen Begriffe erhalten bleibt und die Grundlinien neutestamentlicher Theologie nicht unüberlegt und leichtfertig überschritten werden.

7. Gesellschaftstransformation durch Missio Dei

Der Missionsbefehl wird von Vertretern der Emerging Church im Unterschied zum traditionellen Evangelikalismus „umfassender“ betrachtet.35 Die Missio Dei – die Mission Gottes – zielt nicht nur auf den Menschen und sein Heil ab, sondern richtet sich auf die gesamte Schöpfung. Daher muss der emergente „Missionar“ auch für soziale und politische Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung eintreten. Dieses „umfassendere“ Missionsverständnis wird auch unter dem Begriff „missional“ oder „inkarnatorisch“ im Unterschied zu dem traditionellen „missionarischen“ Verständnis propagiert.

So schreibt ein emergenter Blogger: „Missional hingegen verstehe ich ganzheitlicher. Gott hat den Menschen zur Harmonie mit Gott, sich selbst, dem Mitmenschen und der Welt geschaffen – Schalom eben. Nach dem Sündenfall ist in allen vier Richtungen etwas zerrissen, was sich seitdem multipliziert hat, so dass der Mensch in Disharmonie mit seinem Schöpfer und dessen Schöpfung lebt – das bezieht die eigene Person, die Nächsten und die Umwelt mit ein. Die Schaffung von umfassendem, ganzheitlichem Schalom ist daher meiner Ansicht nach der Kern der Missio Dei. Jesus hat in seinem Leben dies in mannigfaltigen Facetten demonstriert, durch seinen Tod die Kluft zwischen Gott und Menschen geschlossen und die widergöttlichen Mächte ihrer Gewalt entkleidet. Seitdem ist ein entscheidender Unterschied möglich: Im Nachfolger Jesu lebt der Heilige Geist, der uns im Inneren transformiert, den Willen Gottes in unser Herz schreibt, die Frucht des Geistes hervorbringt und in zunehmendem Maße die Harmonie mit Gott, mir selbst, meinen Nächsten und der Schöpfung möglich macht. Die Gemeinschaft der Jesus Nachfolgenden trägt dies hinaus in die Welt – das ist unsere Sendung.“36

Daniel Ehniss verfasste eine Reihe von Blog-Artikeln zum Thema Missio Dei und zitiert in diesem Zuge die Definition von Missio Dei des Autors Andreas Grünschloß: „»Mission« als Inbegriff göttlichen Handelns eröffnet eine Weltzugewandtheit und ein umfassendes christliches Engagement in Solidarität mit Armen und Entrechteten (»Schalomisierung«) sowie mit Menschen anderen Glaubens, das die Vieldimensionalität der biblischen Sendungsverständnisse beachtet und evangelistische Engführung sprengt.“37 Aus emergenter Sicht wird traditionelle Mission, die die Verkündigung des Evangeliums als ihr Hauptanliegen sieht, als „Engführung“ bewertet. Das „missionale“ Evangelisationsverständnis, die Realisierung der Missio Dei, solidarisiert sich mit Armen und Entrechteten und will auf diese Weise der Welt den Frieden (schalom) bringen – die „Schalomisierung“.

Richard Stearns schreibt in seinem Buch und New York Bestseller The Hole in our Gospel (Das Loch in unserem Evangelium): „Gott hat Freude an Seinem Volk, wenn es Ihm gehorcht. Wenn die Hungrigen genährt werden, wenn man sich um die Armen kümmert und Gerechtigkeit schafft, wird Er die Gebete seiner Diener hören und sie beantworten; Er wird sie führen und bewahren, und sie werden ein Licht in der Welt sein. Dies ist die Vision von Gottes Volk, dass Gottes Welt auf Gottes Weise transformiert. In diesem Evangelium ist keine Lücke.“38 Das Evangelium muss als ganzheitliches (whole) Evangelium verkündet und praktiziert werden, damit das Loch (hole) des Evangeliums gestopft wird, so Stearns. Und weiter schreibt er: „Wenn wir Teil des kommenden Reiches Gottes sein wollen, erwartet Gott von unserem Leben – von unseren Gemeinden ebenso -, dass wir die authentischen Zeichen unserer eigenen Transformation aufweisen: Mitleid, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Liebe – in einer fassbaren Weise demonstriert.“39

Das Reich Gottes soll durch das neue missionale Evangelium zu einer Weltverbesserung im Hier und Jetzt führen. Das gleicht dem „Sozialen Evangelium“ (social gospel) der liberalen Kirchen. Pfarrer Wilhelm Busch rang in den 1930er Jahren mit dem social gospel des amerikanischen CVJM und grübelte über dessen Legitimität: „Hatte ich jetzt nicht meine eigentliche Berufung verlassen? War dieser soziale Dienst meine Aufgabe? War das nicht die Aufgabe anderer Stellen? Und immer standen die amerikanischen CVJM vor meiner Seele. Waren sie nicht so wie ich jetzt in die sozialen Aufgaben hineingerutscht und auf diesem Wege abgeglitten von ihrem eigentlichen Dienst, das Evangelium den jungen Männern zu sagen?“ Wilhelm Busch kam zu dem Schluss: „Den Weg der Amerikaner wollte ich auf keinen Fall mitgehen.“40

Mit der Verlagerung des Reiches Gottes auf diese Erde geht die Ablehnung auf die Hoffnung der Wiederkunft Christi und der Errichtung des Reiches Gottes durch Ihn verloren und schlägt sogar teilweise bei Vertretern der Emerging Church in offene Ablehnung gegen traditionelle Endzeitlehren des Evangelikalismus bis hin zu der Illusion, Gott würde eine ideale Zukunft dieser Welt ohne ein Gericht schaffen, indem er die Welt allmählich zu einem besseren Ort „transformiert“. Brian McLaren, der selbst in einer Brüdergemeinde (Plymouth Brethren) groß wurde und mit der Lehre vertraut war, dass Jesus Christus wiederkommt, um sein Königreich auf Erden aufzurichten, bezeichnet diese Lehre heute als „moralisch und ethisch schädlich“ und plädiert für eine „massive Konfrontation der Christen, die an Endzeitlehren glauben.“41 Das emergente Transformationsverständnis folgt der Prämisse „Handeln ist wichtiger als Lehre“ und kehrt damit der Zentralität der Heiligen Schrift den Rücken zu.

Zusammenfassung

Der radikale Flügel der Emerging Church ist in weiten Teilen charakterisiert von:

der Verwerfung absoluter Dogmen

die Negierung der Autorität und Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift

der Überzeugung, man könne absolute Wahrheiten nicht erkennen und in Lehraussagen fassen

einer Ablehnung des Rationalismus

der Absage an die Wissenschaftsgläubigkeit

der Distanz zu „fundamentalistischen“ Christen des konservativ-evangelikalen Spektrums

einer Kritik an althergebrachten evangelikalen Traditionen

Die Emerging Church fördert:

die Neudefinition oder Umdeutung christlicher Werte und Begriffe

die Öffnung zur Mystik

ein soziales, politisches und ökologisches Evangelium

die Betonung von Gefühl, Intuition, Imagination

die Akzeptanz der Kultur

einen subjektiven Relativismus

eine Offenheit für alle Religionen und eine Tendenz zum Universalismus42

Über den radikalen Flügel der Emerging Church urteilt der Pastor, Autor und Bibellehrer John MacArthur: „Hier haben wir es mit einer Form von falscher Religion zu tun…. Eine Art Heidentum, die im Grunde als christlich anerkannt werden will, weil sie immer populärer wird. Aber die Grundlinie dieser ganzen Bewegung der Emerging Church ist, dass sie an keine Lehre glaubt, sie vertritt keine Theologie. Sie wollen sich nicht dazu drängen lassen, irgendetwas in der Schrift zu interpretieren, und ihre Ausrede ist: ‚Nun, die Bibel ist ohnehin nicht klar.‘ Mit anderen Worten, wir wissen nicht, was sie bedeutet; und wir können nicht wissen, was sie bedeutet.“43

Über die Art und Weise, wie dieser Flügel der Bewegung der Emerging Church seine Gemeinden baut, sagt MacArthur: „Alles wird zu einer Frage des Stils und der Kontextualisation, und alles dreht sich um die Manipulation von Leuten und deren Sehnsüchte, so als ob man ein Produkt an den Mann bringen wollte, wie man jedes andere Produkt in unserer Gesellschaft vermarktet. Dieses Verständnis ist falsch, weil es nicht erkennt, dass … Gottes Kraft durch seine Wahrheit wirksam wird, und darauf kommt es an.“44

Obgleich Anika Rönz in einem Artikel der EZW (Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen) zu dem Schluss kommt, dass die deutschlandweit 14 Gruppen und ca. 270 miteinander vernetzten Einzelpersonen der Emerging Church „noch keine bestimmende Größe“ darstellen, weist die Autorin dennoch darauf hin, dass „die Zahl derer, die sich mit ähnlichen Thematiken beschäftigen, ohne sich ausdrücklich der Emerging-Church-Bewegung zugehörig zu fühlen oder sich via Internet zu vernetzen, weitaus größer sein dürfte.“45 Die eigene intensive Beschäftigung des Autors des vorliegenden Artikels mit der Emerging Church-Bewegung bestätigt nicht nur die letzte Aussage von Anika Rönz, sondern ließ überdies erkennen, dass die emergente Bewegung nicht nur weitaus größer ist als ihre Kerngruppierung, sondern dass sie in immer mehr Kreisen bis in das konservativ-evangelikale Spektrum an Anhängerschaft gewinnt. Wenngleich die Emerging Church noch nicht als bestimmende Kraft auftritt, ist sie dennoch eine Bewegung, die überall Eingang findet – und es scheint, dass sich diese Entwicklung in einem immer schnelleren Maße vollzieht. Die Emerging Church ist eine Bewegung, die alles bewegt. Aus diesem Grunde sollte sie wahrgenommen und auf der Grundlage der Schrift kritisch geprüft werden (1Thess 5,21).

Die Gemeinde Jesu Christi war von Anbeginn an durch vielfältige Irr- und Sonderlehren bedroht. Offenkundig gelang es den meisten Gemeinden nicht, die gesunde Lehre gänzlich zu verteidigen und die Herde Gottes vor falscher Lehre zu bewahren. Über die Gemeinde von Philadelphia, der es gelungen war, die reine Lehre und ein reines Herz zu bewahren, sagt der Herr: „Du hast eine kleine Kraft“ (Offb 3,8). Philadelphia war eine kleine, unbedeutende Gemeinde; und doch war sie ohne Tadel. Sie konnte ohne Tadel bleiben, weil sie das „Wort vom standhaften Ausharren auf Jesus bewahrt“ hatte (Offb 3,10). Sie konnte sich allerdings auf ihrer Bibeltreue nicht ausruhen, sondern war vom Herrn gerufen, „festzuhalten, was sie hat“ (Offb 3,11). Das griechische Wort für festhalten ist κρατέω (abgeleitet von κράτος, Macht)  und bedeutet „mit aller Macht festhalten“. Christen in dieser Zeit sind gerufen, an Gottes Wort mit aller Macht festzuhalten, selbst dann, wenn sie nur noch eine kleine Minderheit darstellen.

„Philadelphia“-Gemeinden gibt es heute nur noch wenige. Doch ganz gleich wie groß oder klein, wie bekannt oder unbekannt, wie bedeutend oder unbedeutend eine Gemeinde sein mag, ganz gleich, wieviele Erfolge eine Gemeinde nach außen hin aufzuweisen vermag, das letzte Urteil über eine Gemeinde spricht alleine der Herr Jesus Christus. Ob eine Gemeinde in den Augen Gottes ohne Tadel ist, hängt von ihrer Treue zu Gottes Wort ab – in der Lehre und im Tun. Ob die Erlösten dereinst Lob oder Tadel, einen geschmälerten oder einen vollen Lohn empfangen werden, hängt von ihrer Treue ab. An dem kostbaren Gut festzuhalten, das der Gemeinde anvertraut wurde, ist das Gebot der Stunde. Das biblische Evangelium gegen ein emergentes Evangelium einzutauschen, wird niemandem zum Segen sein, und es wird gewiss nicht Lob, sondern Tadel bringen.

Halte fest, was du hast, damit niemand deinen Siegeskranz nehme!

Offenbarung 3,11

 

Anmerkungen

Leitworte der Emerging Church: authentisch, Authentizität, Dekonstruktion (Infragestellung der Aussagen der Moderne), Kontextualisierung, ganzheitlich, Gesellschaftstransformation, holistisch (ganzheitlich), inkarnieren, inkarnatorisch, Inkulturation, Kontextualisierung, Missio Dei, missional, narrativ (erzählend), Rekonstruktion (Um- und Neudeutung), Transformation.

Hauptvertreter der Emerging Church, Buchautoren sowie Personen, die häufig im Zusammenhang mit der Emerging Church genannt werden: Peter Aschoff, Rob Bell, Christina Brudereck, Spencer Burke, Shane Claiborne, Paul Clark, Ulrich Eggers, Daniel Ehniß, Tobias Faix, Alan Hirsch, Shane Hipps, Daniel Hufeisen („Hufi“), Tony Jones, Dan Kimball, Tobias Künkler, Erwin McManus, Brian McLaren, Donald Miller, Gottfried „Gofi“ Müller, Doug Pagitt, Mark Reichmann, Johannes Reimer, James Ros, Christian A. Schwarz, Chris Seay, Dominik Sikinger, Jens Stangenberg, Leonard Sweet, Frank Viola, Jim Wallis, Daniel Weber, Thomas Weißenborn.

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